Jetzt schon neue Jahreshighlights – Bücher im Februar (2021)

Erst am Ende des Monats ist mir aufgefallen, dass ich bisher in diesem Jahr fast ausschließlich Literatur von und über Frauen gelesen habe. Gibt es da einen Unterschied? Ich denke ja, sehr. Dieser Monat war außerdem ungewöhnlich gut – da war auf jeden Fall schon ein Jahreshightlight dabei. Aber lest selbst.


Insel der verlorenen Erinnerung – Yoko Ogawa

Love.Love.Love. Hier gibt es starke Murakami-Vibes, aber aus einer weiblichen Perspektive und mit genügend Abstand. Im Buch passieren seltsame Dinge, aber sie werden nicht erklärt. Ist auch nicht nötig, denn es geht eigentlich um andere Themen. Auf einer Insel verschwinden nach und nach Sachen, keine Diebstähle oder so, sondern wirkliches Verschwinden. Erst sind es kleine, fast unscheinbare Dinge wie Haargummis, Mundharmonikas oder Brausebonbons. Dann werden sie größer: Schiffe, Rosen, Vögel, Fotos. Die Bewohner der Insel wissen plötzlich intuitiv, dass die Zeit für diese Gegenstände gekommen ist, vernichten sie, vergessen sie gemeinsam. Auch unsere namenlose Erzählerin gehört dazu, lebt so vor sich hin. Erst als sie bemerkt, dass ihr Lektor R zu den gefährdeten Menschen gehört, die einfach nicht vergessen können, und die deshalb von der Erinnerungspolizei verfolgt werden, rebelliert sie gegen das System. Eigentlich ist das Busch schon über 20 Jahre alt, wurde aber jetzt erst ins Deutsche übersetzt. Verständlich, wenn man die aktuellen Zustand der Welt beachtet. Im Buch geht es um den Verlust von Freiheit, egal ob freiwillig oder aufgezwungen, es geht um Rebellion und Resignation, Privatsphäre und Öffentlichkeit, vergessen und vermissen, Einsamkeit und Gemeinsamkeit. Aber das alles langsam und unaufgeregt erzählt, spannend ohne große Effekte. Was für ein Buch. Was für ein Ende! 

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Hier – Richard McGuire

Was für ein großartiges Comic, was für ein Buch, in das man sich hineinfallen lässt. Es erzählt keine Geschichte, oder vielleicht auch die größte Geschichte von allen. Auf jeder Seite blicken wir nur auf einen Raum zu unterschiedlichen Zeiten – das reicht von weit, weit in der Zukunft bis weit, weit in die Vergangenheit. Die meiste Zeit sind wir aber im 20. Jahrhundert. Oft passieren Dinge parallel nebeneinander, oft haben sie einen Zusammenhang, aber nicht immer. Und so beobachten wir, wie die Zeit vergeht, wie sich alles wiederholt, und wie es dem Raum um uns herum egal ist. Das Buch hat einen Rhythmus, so dass man wissen will, wie die Geschichte weiter geht, auch wenn gar nichts passiert. Es ist ein Experiment, ein Gefühl der Zeitlosigkeit und gleichzeitig Verbundenheit mit der Geschichte. Als ich fertig war, habe ich gleich wieder angefangen darin zu blättern. Eine große Empfehlung.

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Die verschwindende Hälfte – Brit Bennett

{Presseexemplar} Bis jetzt war jedes Buch in diesem Monat ein Volltreffer für mich, auch das hier. Mögt ihr nicht auch solche Bücher, in deren Geschichte man sich hineinfallen lassen kann? Die einen so umarmen, dass man einfach an Ort und Stelle mit den Charakteren bleiben möchte und auch mal auf ein paar Stunden Schlaf verzichtet, um noch ein wenig weiter zu lesen? So ein Buch ist das. Es geht darin um die Zwillinge Desiree und Stella, die als Schwarze Frauen besonders hellhäutig sind. Als ihre Wege sich trennen, trennen sich auch ihre zukünftigen Leben. Die eine gibt sich als Weiße Frau aus, die andere bekommt ein Kind von dem dunkelsten Mann, den sie finden konnte. Und so folgen wir erst den beiden und dann ihren Töchtern durch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es geht im Buch nicht nur um Ethnien, sondern auch um Geschlechter, Sexualität, Klasse, Privilegien, um das Finden und Gefunden werden. Wir lernen Menschen kennen, die sich ändern, zweifeln, sich festlegen, ihre Identität finden oder in Frage stellen. Wie weit kann man sich selbst zurücklassen, um jemand anderes zu werden? Oder andersrum: Um überhaupt man selbst zu werden? Wie sehr zieht es einen zum Ursprung zurück? Ich hatte schon „Die Mütter“ von Brit Bennett gelesen und mochte es. Das hier zähle ich jetzt schon zu meinen Jahreshighlights!

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Ach, Virginia – Michael Kumpfmüller

Virginia Woolf fand ich schon immer spannend. Sie hat nicht nur großartige Romane geschrieben, sondern auch als Person die Gesellschaft, in der sie lebte, beeinflusst. Sie war Socialite und gern für sich, Intellektuelle, Vordenkerin, Feministin. Autorin, Verlegerin, Kritikerin. Dieser Roman hier beschreibt die letzten Tage Virginia Woolfs vor ihrem berühmten Selbstmord aus ihrer eigenen Perspektive, ist also natürlich trotz der vielen Fakten, die man kennt, fiktional. Die Sprache ist dabei sehr philosophisch und poetisch; oft als innerer Monolog, in dem Virginia in Depressionen und Selbstzweifeln eintaucht. Sie ist eingesperrt in ihren eigenen Gedanken. Das Buch ist schwer und langsam, dunkel und zweifelnd. Die Art, wie dieser verlorene Kampf gegen die Depression beschrieben wird, ist etwas Besonderes. Aber Mann, drückt der gerade auf die Stimmung. Lest dieses Buch also bitte nicht, wenn euch ähnliche Stimmungen plagen. Insgesamt eher kein Buch für jetzt. 

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Kindheit – Tove Ditlevsen

{Presseexemplar} Komme ich spät zur Party? Das sicher. Denn dieser erste Teil einer autobiografischen Erzählung ist schon 1967 erschienen. Dann aber auch wieder nicht, denn erst gerade sind die insgesamt drei kurzen Bände auf Deutsch bei Aufbau erschienen – und hypen in der Buchcommunity. Aus gutem Grund! Tove Ditlevsen ist eine der berühmtesten Autorinnen und Poetinnen aus Dänemark und hat ein aufregendes und tragisches Leben geführt. In dem ersten kurzen Buch „Kindheit“ beschreibt sie genau die: das Aufwachsen in armen Verhältnissen in Kopenhagen, die Probleme in der Familie, die Liebe zur Literatur, das Gefühl, nicht dazu zu gehören. Tove stellt sich in der Schule dumm, um nicht aufzufallen. Freundschaften schließt sie schwer. Die Kindheit möchte sie schnell hinter sich lassen und sieht in ihr doch eine Sicherheit. Das alles beschreibt Ditlevsen präzise und doch poetisch. In kurzen Bildern lässt sie ganze Welten entstehen. In bin begeistert und freue mich schon auf die nächsten zwei Bände. 

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Fremde Seele, dunkler Wald – Richard Kaiser-Mühlecker

Ich habe eher zufällig in diesem Jahr fast ausschließlich Geschichten von und über Frauen gelesen. Das ist mir erst so richtig aufgefallen, als ich dieses Buch hier in die Hand genommen habe. Denn darin folgen wir einer Familie auf einem Hof in Oberösterreich und ganz viel erdrückender Männlichkeit. Alexander und Jakob sind seltsam unterschiedliche Brüder. Während der eine aus dem höfischen Leben ausbricht und zum Militär geht, bleibt der andere im Dorf und hofft irgendwann auf einen eigenen Hof. Alles hier ist furchtbar passiv, und damit meine ich WIRKLICH passiv. Die Dinge geschehen und irgendwie scheint niemand in diesem Buch irgendwas wirklich voran zu treiben. Man führt Beziehungen, weil es eben so passiert, und dann auch wieder nicht. Man arbeitet mal hier, mal dort, und auch nie wirklich, weil es einem gefällt. Scheinbar denkt keine der Figuren mal über sich selbst nach, darüber, was sie fühlen, was sie wollen, oder wo es hingehen soll. Stattdessen gehen sich die Männer aus dem Weg, wenn man eigentlich reden sollte. Oder machen neue Baustellen auf, wenn auf der anderen alles zusammenzubrechen droht. Ständig will man die Brüder, aber auch Vater, Opa und alle anderem im Buch schütteln und an einen Tisch zerren. Redet doch mal! Reflektiert doch mal! Wo soll es hin gehen?! Das Buch war anstrengend, aber auf die gute Art. 

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