Bücher Best Of 2021

So, jetzt bin ich soweit. Ich habe mir meine Leseliste noch einmal angesehen, habe lange überlegt und Stapel hin und her sortiert. Heute stelle ich meine liebsten Bücher aus 2021 vor. Wie immer habe ich keine Top 10 ausgesucht, ich wähle die Bücher nach einem einfachen Prinzip: In meine Best-Of-Liste kommen alle Bücher, bei denen ich das Gefühl habe, dass ich sie am liebsten jetzt gleich noch einmal lesen möchte. 

Kurz noch ein bisschen Statistik: Ich habe in diesem Jahr 65 Bücher gelesen, insgesamt 19.083 Seiten. Mein kürzestes Buch hatte 80 Seiten, mein längstes 1280 Seiten, im Durchschnitt waren es 289 Seiten lange Bücher. Meine ganz private Lese-Challenge habe ich damit mit Abzeichen bestanden und werde daran auch im nächsten (also diesem) Jahr nichts ändern. Ich nehme mir immer 52 Bücher vor – wenn ich es schaffe, freue ich mich, wenn nicht, dann ist das auch ok. Lesen ist keine Arbeit. Lesen ist für mich der beste Weg, mich zu Entspannen und die Gedanken aus der Gegenwart herauszuholen. 

Ok, genug von mir, hier sind meine Buchtipps: 


Brit Bennett

Die verschwindende Hälfte – Brit Bennett

Dieses Buch taucht nicht umsonst auf so vielen Bestenlisten auf! Hier ist eine Geschichte, in die man eintaucht, die einen umarmt. Mit Charakteren, die man gerne noch viel, viel länger bei sich behalten will. Wer hat wohl einige Stunden auf Schlaf verzichtet, um das Buch weiterlesen zu können? Es geht darin um die Zwillingsschwestern Desiree und Stella, die als Schwarze Frauen besonders hellhäutig sind. Als ihre Wege sich trennen, trennen sich auch ihre zukünftigen Leben. Die eine gibt sich als weiße Frau aus, die andere bekommt ein Kind von dem dunkelsten Mann, den sie finden konnte. Und so folgen wir erst den beiden Schwestern und dann ihren Töchtern durch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Natürlich geht es in dem Buch um Hautfarben, Ethnien und welche Erwartungen und Vorurteile daran haften. Es behandelt aber auch Themen wie Geschlecht, Sexualität, Klasse und Privilegien. Es geht immer ums Finden und Gefunden werden. Wir lernen Figuren kennen, die zweifeln, sich festlegen oder ändern, die ihre Identität in Frage stellen oder sich endlich selbst finden. Wie weit kann man sich selbst zurücklassen, um jemand anderes zu werden? Oder andersherum: Um überhaupt man selbst zu sein? Gibt es ein Ich ohne all das um mich herum? Wahrscheinlich hört sich das alles nach viel Nachdenkerei an. Im Buch ist es aber verpackt in eine große interessante Geschichte.

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Rumaan alam inmitten der nacht

Inmitten der Nacht – Rumaan Alam

Im Juni habe ich „Leave the World behind“ gelesen, Ende des Jahres kam jetzt auch die deutsche Übersetzung „Inmitten der Nacht“ heraus. Seitdem habe ich schon mit zwei Buchhändler:innen über dieses Buch geschwärmt. Dabei könnte ich gar nicht in einem Satz zusammenfassen, worum es geht. Mal erzähle ich, dass es ein Katastrophenbuch ist; in New York fällt der Strom aus, dann das Internet, Menschen und Tiere verhalten sich seltsam. Es geht um ein Fehlen an Informationen, um Unsicherheit und wie man sich in solchen Situationen verhält. Dann ist das Buch aber über viele Seiten auch ein Kommentar über Vorurteile an Klasse, Rasse, Alter, Privilegien und Status; eine Mittelklasse-Familie gönnt sich eine Woche abgeschiedenen Airbnb-Luxus, bis die Besitzer des Hauses unerwartet vor der Türe stehen und man sich nicht ganz sicher ist, ob ihre Geschichte stimmen kann. Das alles ist perfekt eingebettet in eine schnelle  Geschichte mit vielen kurzen Kapiteln. Ach ja, das macht das Buch ja auch noch großartig: Es ist richtig spannend und dabei ganz langsam erzählt. 

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Das achte Leben – Nino Haratischwili

Das hier ist eine epische Familiengeschichte, die uns von Georgien über Moskau und Prag bis Berlin, Wien und London führt. Mit sechs Generationen von hauptsächlich weiblichen Familienmitgliedern streifen wir durch das 20. Jahrhundert, staunen über Schicksale und verzweifeln an Entscheidungen. Da ist natürlich viel Politik dabei, aber immer so, dass man alles auch ganz ohne Vorkenntnisse versteht. In einer Rahmenhandlung erzählt Niza ihrer Nichte Brilka die lange Familiengeschichte und warum sich bis heute alles so entwickelt hat, wie es ist. Natürlich ist so ein langes Buch erstmal Arbeit für Leser:innen, die es nicht gewohnt sind, so dicke Bücher zu lesen. Aber es lohnt sich so sehr. Die Themen darin sind vielfältig und die Figuren wachsen einem ans Herz, auch wenn man nicht immer einer Meinung mit ihnen ist. Erzählt wird von viel Gewalt, von Hoffnungslosigkeit, Stolz und Verzweiflung, aber auch von so viel Liebe, Verständnis und Emotionalität. Es ist ein Spiel mit einer alternativen Geschichtserzählung, hauptsächlich aus Sicht der Frauen, die Kriege, Aufstände und Konflikte in ein ganz anderes und nachvollziehbares Licht rückt. Hach, ich könnte ewig so weitererzählen. 

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Hier – Richard McGuire

Und jetzt mal etwas ganz anderes: Ein Comic, das fast ganz ohne Sprache auskommt. Es erzählt nicht mal eine Geschichte, oder vielleicht auch die größte Geschichte von allen. Auf jeder Seite blicken wir auf ein und denselben Ort zu unterschiedlichen Zeiten – das reicht von weit, weit in der Vergangenheit als die Erde gerade erst entsteht, bis weit, weit in die Zukunft, wo alles anders ist. Die meiste Zeit sind wir aber im 20. Jahrhundert und blicken auf einen Raum. Oft passieren Dinge darin parallel nebeneinander, oft haben sie einen Zusammenhang, aber nicht immer. Und so beobachten wir, wie die Zeit vergeht, wie sich alles wiederholt, und wie es dem Raum um uns herum egal ist. Das Buch hat einen Rhythmus, so dass man wissen will, wie die Geschichte weitergeht, auch wenn gar nichts passiert. Es ist ein Experiment, ein Gefühl der Zeitlosigkeit und gleichzeitig der Verbundenheit mit Geschichte. Als ich fertig war, habe ich gleich wieder angefangen darin zu blättern. 

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i am legend buch

I am Legend – Richard Matheson

Als nächstes ein etwas schwieriger Kandidat, denn das Buch gibt es zurzeit, soweit ich das gesehen habe, gar nicht auf Deutsch. But whyyyyy? Sicher haben einige von euch den gleichnamigen Film gesehen, der hat aber wirklich sehr wenig mit dem Buch zu tun. Stattdessen schauen wir Robert darin beim (über)leben zu – in einer Pandemie, die alle Menschen auf der Welt in eine seltsame Art Zombie-Vampire verwandelt hat. Er wohnt da also ganz alleine in Los Angeles, ist der letzte Mensch auf der Welt und versucht, die Wesen von seinem Haus fernzuhalten. Wie genau das alles passiert ist, weiß er auch nicht so genau. Aber wir versuchen es mit ihm herauszufinden. Wer auch nur ein bisschen End-of-the-world-Literatur mag, wird diesen Klassiker hier lieben. Die Wesen sind ein bisschen gruselig und die Suche nach der Ursache des Virus ist spannend. Es gibt Ausflüge für Vorräte und in die Bibliothek, Sicherheitsmaßnahmen am Haus, Einsamkeit und die große Frage, warum Weiterleben die richtige Wahl ist. Und natürlich gibt es darin noch viel mehr, das ich hier nicht verrate. Ich hatte beim Lesen jedenfalls die ganze Zeit den Wunsch, eine Version davon auf der PlayStation zu spielen. Ein moderner Klassiker von 1954, der sich liest wie ein aktuelles Buch.

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Vampirroman

The Southern Book Club’s Guide to Slaying Vampires – Grady Hendrix

Wo wir schon mal bei Vampirwesen sind, mache ich hier gleich noch mit einem anderen Buch weiter. Stellt euch das perfekte Urlaubsbuch vor: komplett Story-getrieben, so spannend, voller Stereotype und doch herrlich frisch und neu. Und wie gesagt: Vampire! Ich weiß, das klingt erstmal alles sehr nach Pulp, und ja, das ist es auch. Aber so fun und creepy, dass ich es nicht aus der Hand lagen konnte. Darum geht‘s: Anfang der 1990er gründen ein paar Hausfrauen einen Buchclub, in dem sie True Crime lesen, Weißwein trinken und so ein bisschen von ihren langweiligen Familien wegkommen. Hier entwickeln sich Freundschaften abseits großer Erwartungen. Eines Abends wird Patricia von ihrer kranken Nachbarin angegriffen und lernt kurz darauf deren Neffen kennen – neu in der Stadt, charismatisch und irgendwie seltsam. Do you see where this is going? Natürlich passiert hier alles mehr oder weniger, wie wir es uns denken, aber eben nicht ganz genauso. Immer wird noch mal hinterfragt, noch mal die Handlung gedreht, reagieren die Figuren anders als erwartet. Ich hatte jedenfalls viel mehr Spaß als erwartet. 

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Ditlevsen Jugend

Tove Ditlevsen – Kopenhagen Trilogie

Diese Bücher auf meiner Liste sind jetzt vielleicht keine riesige Überraschung, schließlich beherrschten die Neuübersetzungen von Tove Ditlevsen 2021 Bookstagram. Zu recht! Die drei autofiktionalen Bücher beschreiben das kurze und aufregende Leben einer der berühmtesten Autorinnen und Poetinnen aus Dänemark. In „Kindheit“ beschreibt sie das Aufwachsen in armen Verhältnissen, Probleme in der Familie, die Liebe zur Literatur, das Gefühl, nicht dazu zu gehören. Der zweite Band „Jugend“ ist aufregend und unspektakulär zugleich. Ganz großartig skizziert Ditlevsen hier den Unterschied zwischen Erwartungen und Realität: warum kommt die Liebe nicht, wenn man sich nach ihr sehnt? Wie schwer ist es, seine Träume zu verfolgen? Im dritten Buch schildert sie dann ihre Suchtgeschichte, die sie später auch das Leben kosten wird, die mich persönlich aber nicht so mitgerissen hat. Trotzdem sind die Bücher eine Erfahrung. In kurzen Bildern lässt Tove ganze Welten entstehen. In den Büchern stecken so viele große Themen wie Tod, Politik, Klasse, Familie, aber auch so viele scheinbar nebensächliche Schilderungen des alltäglichen Lebens in Dänemark um 1940, die mich ganz begeistert zurückgelassen haben.

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Insel der verlorenen Erinnerungen – Yoko Ogawa

Hier gibt es starke Murakami-Vibes, aber aus einer weiblichen, frischeren Perspektive. Im Buch passieren viele seltsame Dinge, die nicht weiter erklärt werden. Auf einer Insel verschwinden nach und nach Sachen. Erst sind es kleine, fast unscheinbare Dinge wie Haargummis, Mundharmonikas oder Brausebonbons. Dann werden sie größer: es gibt keine Schiffe, Rosen, Vögel oder Fotos mehr. Die Bewohner der Insel wissen plötzlich intuitiv, dass die Zeit für diese Gegenstände gekommen ist, vernichten sie, vergessen sie gemeinsam. Auch unsere namenlose Erzählerin gehört dazu, lebt so vor sich hin. Erst als sie bemerkt, dass ihr Lektor R zu den gefährdeten Menschen gehört, die einfach nicht vergessen können, und die deshalb von der Erinnerungspolizei verfolgt werden, rebelliert sie gegen das System. Eigentlich ist das Buch schon über 20 Jahre alt, wurde aber jetzt erst ins Deutsche übersetzt. Verständlich, wenn man die aktuellen Zustand der Welt beachtet. Im Buch geht es um den Verlust von Freiheit, egal ob freiwillig oder aufgezwungen, es geht um Rebellion und Resignation, Privatsphäre und Öffentlichkeit, vergessen und vermissen, Einsamkeit und Gemeinsamkeit. Aber das alles wird langsam und unaufgeregt erzählt, spannend ohne große Effekte. Was für ein Buch. Was für ein Ende! 

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Rezension Bradbury

S is for Space – Ray Bradbury

Das hier könnte das erste Mal sein, dass ein Kurzgeschichtenband auf meiner Bestenliste landet, aber es ist auch einer von Ray Bradbury. Wir haben hier: Geschichten, die in der nahen bis weit entfernten Zukunft spielen. Wobei „Zukunft“ hier manchmal relativ ist, denn das Buch wurde 1964 geschrieben und damit spielen ein paar der Geschichten fast um unsere Zeit herum. Es geht um die Bevölkerung neuer Planeten, Zeitreisen, gruselige Verzwickungen und Angreifer aus dem All. Ein bisschen Akte X, ein bisschen Black Mirror. Aber alles auf Bradburys poetische, ein bisschen melancholische Art, immer in sehr klarer und einfacher Sprache. Manche Ideen waren nicht neu, aber so viele überraschend. Ich mochte das Buch sehr gerne und werde nicht nur seinetwegen in 2022 mehr Genreliteratur lesen. 

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