Gelesen im Juni (2020)

Es bleibt dabei – ich lese viel und gerne. In diesem Monat übrigens einige ganz große Bücher, die ich euch sehr ans Herz legen möchte. 


Allegro Pastell – Leif Randt

{Presseexemplar} Ich habe lange gewartet, bis ich eine Rezension zu diesem Buch schreiben konnte. Und auch jetzt hat sich meine Meinung noch ein paar Mal geändert. Zu oft habe ich mich beim Lesen gefragt, warum der Autor seine Geschichte auf so seltsame Art erzählt – so kalkuliert, so emotionslos. Natürlich will er damit die unfassbare Egalheit dieser Welt darstellen, aber puh. Trotzdem konnte ich das Buch nicht aus der Hand legen und wollte dringend wissen, wie es ausgeht. In kurz: Tanja und Jerome führen eine Fernbeziehung. Wir erleben Hochs und Tiefs und schauen den beiden beim Leben zu. Der Fokus des Buchs liegt weniger auf der Geschichte als auf den vielen Menschen, die uns um die beiden herum begegnen. 

Wunderbar fand ich an Allegro Pastell die Vielfalt an Beziehungsmodellen. Da gibt es hetero und homo, fern und nah, klassisch und ungewöhnlich, verheiratet, getrennt, geschieden – und all das ist völlig normal. All das funktioniert und wird nicht in Frage gestellt. Das mochte ich sehr. Gleichzeitig aber diese vollkommen egalen Figuren, da fällt mir auch kein besseres Wort ein. Die sind so stereotyp, dass sie oft nur noch Klischees sind. Und das unterstützt der Autor aktiv damit, wie er sie beschreibt: Andauernd werden sie mit Vor- und Nachnamen vorgestellt, wie sie angezogen sind und was für Markenartikel sie bei sich tragen – so als wäre auf diese Weise sofort klar, was für Menschen wir uns da vorstellen müssen. Das sind Karikaturen, und so wird diese ganze aufgeklärte Gesellschaft ad absurdum geführt, weil es sich ständig so anfühlt, als müssten wir uns über sie lustig machen. Vielleicht ist mir die Intention des Buches einfach noch immer nicht klar. Vielleicht muss ich das alles noch ein paar mal in meinem Kopf hin und her wälzen.

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Die Hauptstadt – Robert Menasse

Europa. Was für ein Gewusel, was für unterschiedliche Menschen, Erinnerungen und Eindrücke. Und wie schwer es ist, da eine gemeinsame Linie zu finden. Ungefähr das möchte Robert Menasse wohl auch in seinem Roman darstellen, mit dem er 2017 den deutschen Buchpreis gewonnen hat. Viel Politik ist da im Spiel, viel kleinliche Bürokratie, Selbstdarstellung und Realsatire. Aber auch viel Hoffnung, Verständnis, Erinnerung und Nachdenklichkeit. Wir folgen im Buch vielen verschiedenen Figuren in Brüssel, die mehr oder weniger mit dem europäischen Parlament zu tun haben. All diese Geschichten hängen miteinander zusammen und ergänzen sich. Und so entsteht ein Bild von der Vergangenheit mit Blick auf die Zukunft. Das Buch war lustig und traurig und oft frustrierend. Für mich an manchen Stellen fast ein bisschen zu langsam, aber auch das sollte mit Blick auf die europäischen Prozesse wohl so sein. Nicht spannend, trotzdem klug und gut geschrieben.

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Die Farbe Lila – Alice Walker

Ich muss ja gestehen, dass ich den Film nie gesehen habe und deshalb auch überhaupt nicht wusste, was da auf mich zukommt. Gleich zu Beginn wäre da jede Triggerwarnung nötig gewesen mit all der physischen, psychischen und sexuellen Gewalt, die da über unsere Protagonistin Celie hereinbricht. Dann aber wird sie erwachsen und wir gehen mit ihr diesen wunderschönen Weg in die Emanzipation, lassen schlimme Beziehungen hinter uns, lernen neue Freunde kennen, erweitern die Familie und lernen, mit uns selbst glücklich zu sein. Ich bleibe hier extra ein bisschen ungenau, weil ich den Weg, den die Figuren im Buch gegangen sind, so wunderbar fand, dass ich das niemandem nehmen will. Ein großartiges Buch – unbedingt lesen.

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Und andere Formen menschlichen Versagens – Lennardt Loß

Ein Flugzeug kommt vom Kurs ab und stürzt ins Meer. Marina überlebt an einen Sitz geklammert. Mehr werden wir von unserer Hauptfigur erstmal nicht erfahren, denn alle anderen Kapitel im Buch widmen sich Menschen aus ihrem Umfeld und ihren Erlebnissen ohne Marina. Ein Boxer, der nicht mehr boxt, eine Mutter, die blutige Gore-Filme dreht, ein Handmodell und Google Earth. Das Buch ist kurz und kurzweilig, eine wunderbare Überraschung. Die Figuren sind lustig, aber nie lächerlich, spannend, aber nicht reißerisch. Ich mag es, wenn Komik und Tragik so nah beieinander liegen. 

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Kleine Feuer überall – Celeste Ng

Gerade ist die Serie auf Amazon gestartet. Allerhöchste Zeit also endlich das Buch zu lesen, besonders da ich Celeste Ngs „Was ich euch nicht erzählte“ so mochte. Dieses Mal legt sie den Fokus gleich auf mehrere Familien in einer schicken Wohngegend in den USA. Es herrscht dieses Bild von wohlhabenden, erfolgreichen Familien, alle leben in großen Häusern, sind sportlich und schlau. Wie langweilig das wäre, würde nur dieses „erstrebenswerte Trugbild“ nicht immer wieder gestört. Von Issy, der jüngsten Tochter, die einfach nicht so nett und freundlich wie ihre Geschwister sein will. Von der neuen Mieterin, einer Künstlerin, die keinen Wert auf Besitz legt und nie lange an einem Ort bleiben kann. Von den Bekannten, die sich schon so lange Kinder wünschen, und nun adoptieren wollen. Das Buch handelt vom schönen Schein und was dahinter steckt, von Erwartungen und wie sie gebrochen werden, von Lebensläufen und warum Menschen so sind wie sie sind. Wie schon in ihrem Debut schaut Celeste Ing genau hin und zerlegt die Vorstadtgesellschaft auf feine Art in ihre Einzelzeile. Einziger Wehmutstropfen: Am Ende laufen zwar viele Stränge zusammen, dafür war es mir aber dann viel zu kitschig. 

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Scythe, Die Hüter des Todes – Neal Shusterman

Das hier ist ganz klar ein Jugendbuch: mit ganz viel Fantasy und Welt retten und dunklen Verschwörungen. Auch wenn es an manchen Stellen recht unlogisch ist, mochte ich es gern. Der Plot: Wir befinden uns in der Zukunft. Eine allwissende KI hat alles auf der Erde übernommen – und es funktioniert wunderbar. Es gibt keine Gewalt, die Menschen leben glücklich und halbwegs gleich. Wissenschaft und Technik sind mittlerweile so weit, dass niemand mehr stirbt. Es ist sogar möglich, sich immer wieder verjüngen zu lassen. Das einzige Problem, das dadurch entsteht: Überbevölkerung. Um dies in den Griff zu bekommen, gibt es die Scythe – eine Gruppe Menschen, die dazu auserwählt werden, regelmäßig und willkürlich Menschen zu töten. Die Prämisse ist schon mal unlogisch, aber auch spannend. Wir lernen die Welt der Scythe durch die Augen zweier Lehrlinge kennen, die natürlich in einige Verschwörungen geraten und eine Menge erleben. „Die Hüter des Todes“ ist der Beginn einer Jugendbuchreihe und liest sich wunderbar schnell weg. Ob ich auch noch zu den nächsten Teilen greifen werde, weiß ich aber noch nicht genau, besonders da ich gehört habe, dass sie ab hier immer schlechter wird.

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Ich nannte ihn Krawatte – Milena Michiko Flašar

Die volle Punktzahl für diese kurze Geschichte! „Ich nannte ihn Krawatte“ spielt in Japan und beschäftigt sich mit der Leistungsgesellschaft, die das Leben dort bestimmt. Wir treffen zwei Aussteiger aus dieser Gesellschaft. Taguchi Hiro ist ein „Hikikomori“, ein junger Mensch, der an einer Art Burnout leidet, sein Zimmer bei den Eltern nicht mehr verlässt und die Selbstisolation gewählt hat. (Ich habe ein bisschen recherchiert, das ist wohl ein verbreitetes Phänomen in Japan?). Ohara Tetsu hingegen hat vor einiger Zeit seinen Job verloren, bringt es aber nicht übers Herz, es seiner Frau zu gestehen, und hält die Fassade aufrecht. Jeden Tag treffen sich die beiden Charaktere im Park und erzählen sich nach und nach ihre Geschichte. Das ist schon spannend, weil wir nach und nach Hintergründe aus ihrem Leben erfahren, und zusätzlich verpackt die Autorin die Handlung in solch eine poetische und bildhafte Sprache, dass man nicht aufhören möchte zu lesen. Wenn Hiro spricht, sind es oft Bruchstücke, seine Sprache repräsentiert den vorsichtigen Weg zurück ins „normale“ Leben. Für mich ist es das perfekte Buch für diese Zeit jetzt, in der die Welt kurz Zeit hat sich zu fragen, wie viel Leistungsdruck eigentlich gut für uns ist.

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