Gelesen im Mai (2020)

So langsam habe ich beim Lesen wieder einen Rhythmus, ein Ritual. Außerdem hat das schöne Wetter und meine zahlreichen Parkbesuche dazu beigetragen, dass es in diesem Monat wieder ein paar mehr Bücher geworden sind. Dabei waren mehr Überraschungen als Enttäuschungen, gleich vier richtig, richtig gute Bücher. 

Ausser sich – Sasha Marianna Salzmann

So dick ist das Buch gar nicht, trotzdem habe ich lange daran gelesen, weil so wahnsinnig viel drin steckt. Eine Familiengeschichte über Generationen, eine Migrationsgeschichte, Liebesgeschichte, Trennungsgeschichte, Stadtgeschichte. Vor allem anderen geht es aber darum, sich selbst zu finden. Die Zwillinge Anton und Alissa flüchten mit ihren Eltern aus Russland nach Deutschland, kommen dort nicht richtig an. Als Anton spurlos verschwindet und nur eine Postkarte aus Istanbul kommt, macht Alissa sich auf die Suche und verliert sich selbst in dieser wunderbaren Stadt. Ich will hier nicht spoilern, aber nach dem Buch gibt es noch einiges zu besprechen. Das Buch fragt nach Identität, danach, wo wir her kommen und wo wir hingehen. Vor allem fragt es nach der Suche nach uns selbst.

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I’m every woman – Liv Strömquist

Liv Strömquist macht Comics, die ernste, feministische Themen auf lustige und verständliche Art darstellen. Da geht es darum, wie berühmte Persönlichkeiten so ihre Frauen behandeln, oder wie Frauen oft hinter den männlichen „Genies“ zurücktreten. Wir lesen hier zum Beispiel von Einsteins Frau Mileva Marić, die aus seinen Forschungen gestrichen wurde, als sie sich scheiden ließen, oder von Priscilla Presley, die jahrelang für Elvis jungfräulich bleiben sollte. Daneben gibt es immer kurze Episoden zu unterschiedlichen Themen wie Kernfamilie, Homosexualität oder Frauendarstellungen von damals bis heute. Ich mochte das Comic hier wieder sehr und freue mich auf das nächste.

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Marlow – Volker Kutscher

Da ist er wieder: endlich gibt’s den „neuen“ Volker Kutscher auf Spotify. Ich mag die Hörbuch-Versionen der Gereon-Rath-Reihe sehr. Marlow ist mittlerweile der siebte Roman und neben dem zweiten mein liebster. Der Fall ist spannend: ein Taxifahrer fährt sich und seinen Gast absichtlich zu Tode. Warum? Verzwickter wird es noch, als herauskommt, dass der Fahrgast bei der SS ist und geheime Dokumente dabei hat. In einem weiteren Handlungsstrang lernen wir endlich den Hintergrund von Johann Marlow kennen. Hach. Im Buch ist es mittlerweile 1935 und die politische Situation bedrohlich – wir begleiten Rath sogar auf den Reichsparteitag in Nürnberg. Wie immer: was für eine gute Reihe. Sogar für jemanden wie mich, die nie Krimis liest.

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Technophoria – Niklas Maak

{Presseexemplar} Das hätte gut sein können. Ein Buch über die Smartcity, geschrieben von jemandem, der sich damit auskennt. Energiesparende Häuser, Digitalisierung, autonome Autos auf den Straßen. Was bedeutet das für die Umwelt? Was bedeutet das für die Gesellschaft? Wann immer der Autor dies veranschaulicht oder andere Beobachtungen beschreibt, ist das wirklich gut. Leider ist Technophoria aber kein Sachbuch geworden, offenbar musste eine Geschichte her. Die Figuren und Handlungsstränge sind so platt und vorhersehbar, da bricht der schöne Schein leider zusammen. Natürlich endet alles in böser Überwachung, natürlich zweifeln alle und der Kapitalismus siegt. Das hätte wirklich gut sein können. 

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The Haunting of Hill House – Shirley Jackson

Seit kurzem gibt es die Serie „Spuk in Hill House“ auf Netflix, und ich kann euch schon mal versichern, dass sie absolut nichts mit dem Buch zu tun hat. 🙂 Das hier ist Shirley Jackson – düster, schwierig und gleichzeitig lustig. Es ist ein Klassiker des Geisterhaus-Genres von 1959, aber höchstwahrscheinlich werdet ihr euch darin wenig gruseln. (Erst nach der Hälfte des Buches „passiert“ etwas.) Wir folgen darin Eleanor, unschuldig und einsam, die bis vor kurzem ihre kranke Mutter gepflegt hat und nun zu ihrem ersten selbstbestimmten Abenteuer aufbricht. Doktor Montague hat sie nach Hill House eingeladen, in dem es angeblich spuken soll. Dort findet sie Freunde, Menschen, die ganz andere Leben führen als sie selbst, und erlebt nach und nach auch übernatürliche Phänomene. Das Großartige am Buch ist, dass wir viel in Eleanors Kopf sind und deshalb nie so wirklich erfahren, was im Haus eigentlich vor sich geht. Ich mochte besonders die Stimmung sehr, und diese langsame, kriechende Ungewissheit.

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Vogue – Das Kleid

{Presseexemplar} Bildbände, Coffeetable-Books, großformatige Bücher, in denen es einiges zu Gucken gibt. Wer denkt, dass es hier keine Geschichte gibt, in die man sich reinfressen kann, irrt. In diesem besonderen Buch dreht sich alles nur um eines: das Kleid. Jo Ellison hat sich über 300 Fotografien aus dem Vogue-Archiv herausgepickt und versucht daran zu erklären, warum gerade dieses Kleidungsstück so eine Faszination auf uns ausübt. Zuerst war ich irritiert, das hier nicht chronologisch vorgegangen wird, dann wurde aber schnell klar, warum. Es gibt nicht die eine Geschichte – zu jeder Zeit gab es schon verschiedene Kleidungsstile. So ist das Buch unterteilt in klassisch, märchenhaft, dramatisch, dekorativ und modern. Das Lustige ist: Modezeitschriften interessieren mich überhaupt nicht. Diese großartig inszenierten Fotos hier könnte ich mir aber wieder und wieder anschauen. Für mich ist das Buch viel künstlerische Inspiration: Farben, Inszenierungen, Körper. Unbedingt anschauen, wem das zusagt.

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Verzeichnis einiger Verluste – Judith Schalansky

Dieses Buch hier ließ mich staunend zurück. Schon nach der kleinen Einführung hatte es mich völlig in seinen Bann gezogen. Was dieses Buch schmerzlich klar macht – jeden Tag gehen auf der Welt Dinge verloren: Menschen, Notizen, ganze Tiergattungen, tausend Jahre alte Bauwerke werden zerstört, Erinnerungen gehen in Flammen auf. Was aber, wenn wir aus diesen Verlusten Neues erschaffen können? In jedem Kapitel stellt uns Schalansky eines dieser verlorenen Dinge vor: die Lieder der Sappho, eine ausgestorbene Tigerart, eine versunkene Insel, der Palast der Republik … Und zu jedem einzelnen denkt sie sich eine Geschichte aus. Zu den Dingen selbst oder auch nur zu dem Gefühl, das sie in uns hervorrufen. Und trotz all dem Verlieren lässt einen das Buch seltsam hoffnungsvoll zurück, denn immer wieder geht es auch um das Wiederfinden oder Neuentdecken. 

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