Gelesen im April (2020)

Neun Bücher in einem Monat ist eigentlich weit über meinem Pensum. Aber eigentlich hatte ich gedacht, dass es noch viel mehr wären bei dem ganzen #stayathome. Viel gereist bin ich trotzdem: Nach Russland und Frankreich, in die Türkei, ins Berlin der 1920er Jahre, auf fremde Planeten und in die Vergangenheit. Mit dabei: ein Klassiker, der mein Herz erobert und ein alter Liebling, der mich kalt gelassen hat. Here we go.


Die linke Hand der Dunkelheit – Ursula K. Le Guin

Lasst uns mal wieder ein bisschen in SciFi eintauchen, habe ich schon lange nicht mehr gemacht. In Marias Lesekreis auf Instagram stand in diesem Monat eine Reise zu einem fremden Planeten auf dem Programm. Ein Kundschafter für einen großen Planetenzusammenschluss soll auf Gethen herausfinden, ob die beiden verfeindeten Regierungen, die dort herrschen, bereit sind einzutreten. Viel Politik also. Dazu kommt: Die Menschen auf diesem Planeten sind androgyn, es gibt keine Einteilung in Mann und Frau. Das ist spannend, weil es das gesamte Zusammenleben, die Machtverhältnisse und auch die Erwartungen an einzelne Personen ändert. Am Anfang habe ich mich ein bisschen schwer getan mit der nüchternen Erzählweise, und dass wir ohne Erklärung in die Gesellschaft hineingeworfen werden. Als dann aber die Handlung richtig losging, war es zu spannend, um das Buch aus der Hand zu legen. Freundschaft, Verrat und Abenteuer! Ich mochte besonders dem langen Marsch durch die Eiswüste – auch wenn das bei den Temperaturen gerade ein bisschen die Wirkung verliert. 

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Bücher auf Rezept – Florian Valerius und Mareike Fallwickl

Ein nettes Geschenkbuch, für das ich wahrscheinlich die falsche Zielgruppe bin. Es ist ein Buch voller Buchtipps zu verschiedenen Anlässen: Heimweh, Streitlust, Jobkrise, gute Laune, etc. Die Seiten sind noch nicht geschnitten, sodass man bei jedem Thema die Seiten selbst öffnen muss, um an die Buchtipps zu kommen. Für mich war das am Ende mehr Gimmick als Inhalt, denn die Tipps darin sind eher mau. Meist wird ein Buch ein wenig beschrieben, das ich aber auch meist schon kannte, und dazu gibt es eine kleine Liste von Büchern, über deren Inhalt man sich dann aber selbst informieren muss. Kann also ein nettes Geschenk für jemanden sein, die nicht so recht weiß, was sie gerne liest. 

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Was man von hier aus sehen kann – Mariana Leky

Eine Geschichte vom Dorf. Hier kennt jeder jeden und dessen Eigenarten, die Menschen sind schrullig und liebenswert. Und wenn Oma von einem Okapi träumt, wissen alle, was jetzt passieren wird: Jemand wird sterben. „Was man von hier aus sehen kann“ ist keine hohe Literatur, aber es fühlt sich gut an im Herzen. Das Buch ist lustig, oft traurig und hat wundersame Wendungen, die einen beim Lesen trotzdem nicht raus werfen. Es ist ein leichtes Buch für den Balkon, für den Sommer, für alle eigentlich, die schnelle Geschichten mögen, die man nicht schon hundert Mal gelesen hat. Und das alles ohne Kitsch, dafür mit viel Schmerz und Heilung, langer und heimlicher Liebe, großen Hunden, depressiven Erbsenesserinnen und der motivierendsten Putzszene, die ich je gelesen habe.  #DerSexmitRenateraubtmirdenVerstand

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Die Ignoranten – Étienne Davodeau

Ich habe schon eine ganze Weile nicht mehr den Sonntag mit einem Comic im Bett verbummelt. Jetzt wurde es mal wieder Zeit (obwohl es nicht unbedingt nur der Sonntag war). In diesem Comic begegnen sich zwei Welten – Comics und Wein – zwei Freunde zeigen sich darin gegenseitig ihre Jobs. Mit Richard, dem Winzer, schneiden wir Reben zu, düngen ganz biologisch und schauen dem Wein in den Fässern beim arbeiten zu. Mit Étienne, dem Comicautor, besuchen wir seinen Verlag, eine Druckerei und viele bekannte französische Comiczeichner. Das ist alles sehr informativ und plätschert entspannt vor sich hin. Eine richtig Handlung oder Spannung gibt es in dem Buch aber nicht, aber ich habe was gelernt. Es ist also tatsächlich etwas für das gemütliche Lesen im Bett. 

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Die Madonna im Pelzmantel – Sabahettin Ali

Das Schöne am Lesen sind die Momente, wenn einem zufällig Bücher wie dieses hier in die Hände fallen. Irgendwo hatte ich davon gehört, es dann doch wieder vergessen und dann zufällig in der Stadtbibliothek entdeckt. Ich wusste, dass es ein alter türkischer Roman ist, von einem Autor, der eingesperrt und ermordet wurde. Erzählt wird die Geschichte von Raif und seiner großen Liebe, was wir wissen, aber erst spät erfahren. Wir sitzen mit seinem Kollegen in Ankara, lernen seine Familie kennen und reisen nach Berlin in die Weimarer Republik. Was für ein Buch! Es ist ein Liebesroman ohne Kitsch. Ein Buch von 1943, das sich liest wie ein aktueller Roman, nur sprachgewaltiger und mit Sätzen, die kurvige Nebenstraßen nehmen und trotzdem zum Ziel kommen. Es spielt mit Außen- und Innenperspektiven und zeigt, dass in den Köpfen der Menschen oft ganz andere Sachen vor sich gehen, als man glaubt. Eine großartige Entdeckung!

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Plastik. 100 Seiten. – Pia Ratzesberger

Das große Thema der letzten Monate ist in der Corona-Zeit wie vieles andere nach hinten gewandert. Ich wollte mich ein bisschen informieren, aber nicht mit den schicken Influencer-Zero-Waste-Tipp-Büchern. Das Buch hier ist von der bpb und eigentlich eines der 100-Seiten Bücher von Reclam. Gelernt habe ich leider so gut wie nix, dafür ca. 30 Mal erfahren, dass ganz viel Plastik im Meer ist. Auf den wenigen Seiten hätte ich mir ja gewünscht, dass da kompakte, strukturierte Informationen drin stecken. Kann ich also nur bedingt empfehlen.

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Der Bär und die Nachtigall – Katherine Arden

{Presseexemplar} Die Reise geht nach Russland. Weit in den Norden, wo die Kälte zum eigenen Charakter wird und die Geschichte voran treibt. Dort sitzt die alte Kinderfrau Dunja und erzählt: vom Winterkönig, von Kobolden und Hexen. Für Wasja, die jüngste Tochter der großen Familie, werden all diese Geschichten war, denn sie sieht die Wesen, die da durch Haus und Hof und Wald wandeln und verbündet sich mit ihnen, um ihre Familie und ihr Dorf zu retten. Ein schönes Märchen ist das, mit Gut und Böse und Bären. Ein wildes Mädchen, das sich von allen unterscheidet und sich durchsetzen muss. Auch wenn das Buch im tiefen Russland spielt, kann man die Sagen und Rituale gut nachvollziehen. Ich habe jetzt noch rausgefunden, dass das Buch der erste Teil einer Trilogie sein soll. Das fühlt sich für mich etwas raufgesetzt an, so im Nachhinein, weil das Buch so erfolgreich war. Ich mochte das Buch, aber mehr brauche ich davon auch nicht so bald.

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Yalla, Feminismus – Reyhan Sahin

{Presseexemplar} Was hier alles besprochen wird: Misogynie im deutschen Hip Hop, Rassismus gegenüber Muslimen, patriarchale Strukturen in der Hochschullandschaft. Das alles hängt nicht nur gesellschaftlich zusammen, sondern auch, weil es von Reyhan Sahin kommt – besser bekannt als Lady Bitch Ray. Um ehrlich zu sein, habe ich von ihrer Musik keine Ahnung, was ihren Werdegang aber nicht weniger spannend macht. Das Buch ist keine Einsteigerliteraur, wer es zur Hand nimmt, sollte sich in feministischen Themen schon etwas auskennen. Dann gibt es aber viele spannende Einsichten aus erster Hand. Ein bisschen nervig war für mich die Selbstbeweihräucherung -ich war die erste, noch keine vor mir, etc.- wobei: wenn es sonst niemand schreibt, hol dir die Anerkennung selbst. You go, girl!

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Soloalbum – Benjamin von Stuckrath-Barre

20 Jahre später und mich gruselt es leider nur noch mit diesem Buch. Vielleicht sollte man all seine alten Lieblinge mal wieder gegenlesen, um sich zu vergewissern, ob sie noch ins Bücherregal gehören. Soloalbum – das Buch, das die „Popliteratur“ startete. Und ich bin leider keine zynische Teenagerin mehr, hatte eigentlich von mir gedacht, dass ich nie eine war. Wie kreativ der Mann schreiben kann, wie banal seine Themen: Alles ist schlecht, alle Menschen dumm und nervig, er selbst am meisten. Und wow, wer mal analysieren will, wie offensichtlich man sich in eigenen Körperhass hineinschreiben kann, findet das hier auf jeder 5. Seite. Alle Dicken sind schlimm, debil und eklig. Sie sind Randfiguren, um den Protagonisten in seinen Komplexen zu bestärken. Generell sind hier alle Menschen dümmer, hässlicher und peinlicher als der Protagonist. Und das ist mir leider heute selbst sehr peinlich. Das muss ein sehr einsames und anstrengendes Weltbild sein. Was ist da damals passiert mit uns? Ich sortiere jetzt aus. 

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