Wie ich David Bowie einmal fast live gesehen habe

Lesen Sie hier die unglaubliche, traurige und haarsträubende Geschichte, wie Miriam einmal fast David Bowie live gesehen hätte, und sich dadurch erst Jahre später irgendwas änderte. (Aber nicht wirklich.) Treten Sie ein – es gibt Kaffee.

Es war einmal vor langer Zeit, als ich noch kaum auf Konzerte ging, weil ich a) eine arme Studentin war, b) in einer doofen kleinen Stadt wohnte und c) niemand mit mir gehen wollte. Musik war mir wichtig, nur konnte ich mich nicht so recht aufraffen. Zu dieser Zeit dachte ich noch, dass ich irgendwann mal so etwas wie eine Journalistin werden würde, und machte mein Pflichtpraktikum bei einer kleinen schmierigen Tageszeitung, die ich hier nicht nennen möchte. Wer die Extreme geschafft hat, dem kann nichts mehr passieren, oder?

Als uninteressante Praktikantin durfte ich also eine Menge rumsitzen, sinnlose Straßenumfragen machen und uninteressante Artikel schreiben, die kurz vor Druck in die Sinnlosigkeit gekürzt wurden. Ich besuchte den Zoo, weil irgendein Tierbaby geboren wurde, und ließ mir erklären, dass die Leser dieser Zeitung keine Nebensätze mögen. Ich trank Kaffee auf unwichtigen Pressekonferenzen, bekam kaum einen meiner Themenvorschläge durch die morgendliche Konferenz und versuchte den CvD darauf aufmerksam zu machen, dass meine Augen ein wenig weiter oben sitzen. Es dauerte nur sehr kurze Zeit, bis ich merkte, dass dieser Job nicht meiner war.

Dann kam der Tag, der wie versprochen nichts änderte, an den ich mich aber heute noch immer wehmütig erinnere. Wir saßen in der Konferenz zusammen, in der jeden Morgen die Themen an die Redakteure verteilt wurden. Da schaut man gemeinsam über Pressemitteilungen, anstehende Termine und Ideen der Kollegen und verteilt Aufgaben. Irgendein Bäcker backt die dicksten Brötchen, irgendein Verband hat irgendwas bekannt zu geben, der Bürgermeister spricht über irgendein Thema. Fast nebenher sagte der Redaktionsleiter, dass David Bowie morgen Abend in Köln spielen würde, und man sich doch da mal blicken lassen sollte.

Stille. Niemand meldete sich, alle blickten sich gelangweilt an. Der Zettel wurde auf Seite geschoben und zum nächsten Thema übergegangen.
Aber in meinem Kopf pochte es. Ich liebe David Bowie. Zum diesem Zeitpunkt nicht so sehr wie heute, aber da lag die Presseeinladung zum Konzert, und warum sollte ich eigentlich nicht da hin? Über Konzerte schreiben? Das machten die hier auch? Über Musik schreiben? Ich wollte da hin. Eine Karte hätte ich mir nie leisten können und, fuck, David Bowie.


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Die Konferenz kam zum Ende und der Redaktionsleiter griff noch mal zur Seite. Ob wirklich niemand zum Konzert wolle, wurde gefragt. Ja, das sei abends und am Wochenende und scheiße, aber da könnte man doch was drüber schreiben. Also wollte ich Anlauf nehmen und fragen, ob ich das machen könne. Ich wollte … aber dann schnaufte es links von mir, und ich wusste, dass ich David Bowie nicht sehen würde.

Schräg links saß die Grand Dame der Redaktion, die Sorte Frau, die keine anderen Frauen neben sich duldet. Die Frau, die all die lokale Prominenz kennt (oha!) und darüber schreibt. Soweit ich mich erinnere, gab es da noch ein paar freie Redakteurinnen, aber sie war die eine Festangestellte und das machte sie auch mit jedem Blick in meine Richtung deutlich. Schon am ersten Tag als ich die Redaktion betrat, beschloss sie mich zu hassen. Sie sprach nie ein Wort mit mir, ab und an bekam ich mal ein leises Schnaufen, aber bis zu dieser einen Konferenz war mir das alles völlig egal.

Sie schnaufte also und sagte: „Ja komm, ich mache das“, verdrehte die Augen in meiner Richtung und das Thema war erledigt. Ich war nicht zum Diskutieren in diesem Praktikum, und bei ihr hatte ich eh keine Chance. David Bowie würde morgen Abend ohne mich spielen. Nicht, dass es jemand bemerkt hätte. Ich war enttäuscht, aber auch nicht so sehr, dass ich mir wahnsinnig lange Gedanken darüber gemacht hätte. Ich war keine Konzertgängerin und redete mir ein, dass ich das sicher gar nicht so gemocht hätte oder ich ihn irgendwann noch mal live sehen würde. (Doch, hätte ich, und nein, niemals)

Jahre, Jahre später, als ich wieder in Köln wohnte und begann, mir mit einer Menge kleiner und billiger Konzerte meine Abende zu vertreiben, dachte ich wieder an diese verpasste Gelegenheit. Ich hätte David Bowie live sehen können. Wie wäre das gewesen? Ich hätte über Konzerte schreiben können. Aber wer würde das lesen wollen? Inzwischen gab es Blogs und kleine Online-Zeitschriften, aber ich hatte eine andere Richtung eingeschlagen. Und noch ein paar Jahre später, als ich schon die Kamera in der Hand hatte und Konzerte mehr waren als nur ein Zeitvertreib, dachte ich auch wieder an diesen komischen Morgen in der Redaktion zurück und dachte: Ich hätte David Bowie live sehen können. Wie wäre das gewesen?

Vielleicht sollte ich euch noch erzählen, dass die Grand Dame am Montagmorgen in die Redaktion spazierte und verkündete, sie hätte am Samstagabend dann doch keine Lust gehabt. Vielleicht war ich erstaunt, als sie das erzählte und mir dabei ins Gesicht sah, um ein bisschen Macht aus meiner Enttäuschung zu ziehen. Vielleicht sehe ich das heute in meiner Erinnerung alles viel zu dramatisch. Aber ich hätte David Bowie live sehen können und das kann ich jetzt nie wieder. Und deshalb denke ich auch heute noch gerne an diese paar schrecklichen Wochen in der Redaktion zurück, wenn ich die Möglichkeit habe, etwas Großartiges zu tun, und ich müde bin und die Couch ruft.


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