Goodbye Underground

Obwohl es sich schon lange angekündigt hat, schmerzen seit dieser Woche unsere Herzen. Das klingt dramatisch, ist es aber auch. Das Underground in Köln-Ehrenfeld wird am 15. September schließen und dann abgerissen.

29 Jahre! Das Underground ist ein verwinkeltes Areal in Ehrenfeld, ein Konzertsaal, ein Club, eine Kneipe, ein Biergarten. Eine schöne Erinnerung für viele, die dort ihre Jugend oder Uni-Jahre verbracht haben. Ein Ort, an dem Leute auch jetzt einen guten Abend verbringen. An dem man Menschen kennenlernt, wilde Partynächte erlebt oder gemütlich draußen ein Kölsch genießt. Ein Ort, an dem so viele großartige Bands schon ihre Gitarren geschwungen haben.

Das Underground ist für mich das, was den Stadtteil Ehrenfeld ausmacht. Hier ist jeder willkommen, egal wie alt man ist, wo man herkommt, wie man sich kleidet oder wie viel Geld man in der Tasche hat. Wie fast jeder, den ich kenne, habe ich schon mit 16 in dem kleinen Biergarten gesessen und mich stundenlang an einer Cola festgehalten, habe auf seltsame Remixe von Rocksongs mit Elektro-Beats getanzt oder auch mal gemütlich an der Bar gesessen und Leuten im Anzug beim Kickern zugeschaut. Wenn keine Veranstaltungen wie Konzerte oder besondere Partys stattfanden, war der Eintritt frei. Kommt rein, habt Spaß, benehmt euch.
Tatsächlich habe ich hier vor und hinter der Theke nur nette und manchmal seltsam sympathische Menschen kennengelernt. Und im Gegensatz zu vielen anderen Läden zum Beispiel auf den Ringen habe ich mich hier als Frau auch allein nie unwohl gefühlt. Klar, auch hier wird man nachts um 5 mal ein wenig zu direkt angetanzt, aber ein nein war hier immer ein nein, und das hat auch das Personal unterstützt.

Jetzt verschwindet das Underground. Nicht aus finanziellen Gründen wie bei anderen Läden, die in hoher Frequenz den Besitzer wechseln, sondern weil gebaut werden soll. Oha. Das fällt der Stadt auch immer dann brennend heiß ein, wenn neue Bürogebäude (Theatro) oder schöne Luxuswohnungen (Stecken, fast Gebäude 9) auf dem Plan stehen. Köln vergisst gerne, dass Kultur nicht nur auf Karneval reduziert werden kann (auch bei der Oper und dem Schauspielhaus steht man sich ja gerne ratlos die Beine in den Bauch). Und auch die Investoren wollen Geld sehen, schließlich ist Ehrenfeld das Kreuzberg Kölns. Da wollen alle hin, da geht’s rund, da ist es so „lebenswert“. Und ja, ich weiß, dass an den Ort des Undergrounds eine Schule oder was auch immer gebaut werden soll (Betonung auf soll), aber egal was dort entstehen wird: Es ist nicht das Underground. Es wird keine einzigartige Kulturstätte sein, die den Stadtteil bereichert und einer der Gründe ist, die ihn bis jetzt so lebenswert gemacht haben.

Das Underground verschwindet und wir sehen es ganz langsam immer deutlicher: auch Ehrenfeld bröckelt. Laute Bars und Clubs weichen schicken Cafés und Cocktail-Bars. Gute Restaurants? Ja bitte, aber ab 11 Uhr soll keiner mehr draußen sein – die Kinder schlafen, und morgen müssen wir früh raus, denn so eine Wohnung in Ehrenfeld bezahlt sich nicht von alleine.

Ich werde die Konzerte vermissen, die Möglichkeit, auch mitten in der Nacht noch mal kurz auf ein Bier herein zu huschen, das Kickerspielen um einen Schnaps, selbst die überfluteten Toiletten und der leichte Grasgeruch in der Luft. Die Besitzer haben schon angekündigt, dass es nicht nur eine Abschiedsparty geben wird. Lasst uns hin gehen, laut sein und einen Barmann küssen. Verabschieden wir uns vom Underground mit viel Alkohol und ein paar Tränchen.


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4 comments

  1. avatar YeLm   â€¢  

    So true. Gut geschrieben!

    • avatar Miriam   â€¢     Author

      Danke

  2. avatar Sue   â€¢  

    Obwohl ich seit 2012 nicht mehr in Köln wohne war ich sehr schokiert, das das Underground, wie du es sehr treffend beschreibst, schliesst. Es war fast jedes WE mein Wohnzimmer und man konnte zu jeder Zeit hin. Es war egal wie man aussah, angezogen war oder alt man ist. Habe mich nie unwohl gefühlt, keine größeren randale dort erlebt, bin nie bedrängt worden und konnte vernünftige Mucke hören und drauf tanzen. Das eine Schule gebaut werden soll ist ein kleiner Trost. Das Flair was in Ehrenfeld dadurch kaputt geht ist nicht zu kitten! Ich werde am letzten Abend da sein und meinem Underground die letzte Ehre erweisen!!!

    • avatar Miriam   â€¢     Author

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