Gelesen im September

Ein Monat voller Arbeit, Arbeit, Arbeit, aber zum Lesen bin ich trotzdem ganz gut gekommen, habe Reihen weggelesen und Neuerscheinungen durchgestöbert.

Buchtipps 09-2016


Han Kang: Die Vegetarierin
Eine Frau entscheidet sich dazu, kein Fleisch mehr zu essen, und trifft damit im konservativen Süd-Korea auf eine Menge Ablehnung. Wie wenig sie und ihre Entscheidung in diesem Buch ernst genommen werden, zeigt sich darin, dass sie im Buch nie selbst zu Wort kommt. In drei Kapiteln erzählen ihr Mann, ihr Schwager und ihre Schwester wie Yeong-Hye nach und nach verrückt wird, eine Pflanze sein will, sich zu Tode hungert. „Die Vegetarierin“ hat den internationalen Man Booker Preis 2016 gewonnen und ist der surreale Bericht einer stillen Rebellion. Wunderschön geschrieben, tief und dramatisch erzählt Han Kang von einem Körper, der zum Gefängnis wird, und dem Wunsch, selbst zu entscheiden, wer oder was man ist.
Thees Uhlmann: Sophia, der Tod und ich
Thees Uhlmann hat ein Buch geschrieben und jeder, der seine Texte mag, sollte sich das ansehen. Und der Rest auch. Das Buch ist kurzweilig. Kurze Sätze, kurze Gedanken, Freundschaft, Eltern, Kinder, Liebe und Tod. Das ist keine große Literatur, aber richtig gute Unterhaltung. Eigentlich geht es darum: Der Ich-Erzähler soll sterben, aber gerade in dem Moment, als der Tod sein Werk verrichten will, steht seine Ex-Freundin Sophia vor der Türe. Und das bringt scheinbar die Welt ins wanken. Denn plötzlich kann der Tod fluchen, Bier trinken und Menschen in die richtige Richtung schubsen.
Und während ich etwas Leichtes und Heiteres erwartete (was es ist), krochen hier und da Szenen heran, heimlich von hinten, die mich tiefer getroffen haben als vieles in der letzten Zeit. Und dann kullerten auch mal Tränchen.
Besonders lustig und, hört hört, authentisch ist übrigens das Hörbuch, das Thees selbst liest. Er ist zwar kein Sprecher, aber gibt seinen Charakteren gleich viel mehr Leben. Klare Empfehlung!
Emma Cline: The Girls
Kaum eine Neuerscheinung wurde diesen Sommer so heiß diskutiert wie The Girls – noch dazu bevor der Debutroman überhaupt erschienen war. Und die Prämisse hörte sich auch so wunderbar an: Ein 14-jähriges Mädchen, die Pubertät schlägt zu, Freundinnen verändern sich, Jungs kommen ins Spiel, die Eltern verstehen nichts. Und all das geschieht in den 1960ern in der Nähe von Los Angeles, das Hippie-Zeitalter ist weit fortgeschritten. Mitten in ihrem ganz eigenen Wirbel, Evie fühlt sich unverstanden und außerdem ist ihr wahnsinnig langweilig, lernt sie Suzanne kennen, die zur „Ranch“ gehört, einem Haufen Leute, die einem charismatischen Guru folgen. Natürlich ist das alles stark an die Geschichte der bekannten Manson-Familie angelehnt, und mit diesem Hintergrundwissen sehen wir das Ende schon herbei. Leider kommt das alles nicht so schön zusammen wie ich es mir gewünscht hätte. Emma Cline schreibt gut, aber manchmal allzu sehr an der Geschichte vorbei. Es geht oft nicht um Evie, sondern um die Hinweise auf die Morde der Family. Wie viel besser wäre das Buch, wenn es VOR dem großen Knall enden würde, denn das ist der Moment, der für Evie wichtig ist. So verliert sich der Kern des Buches in den spektakulären Taten.
Buchtipps 09-2016
Lemony Snicket: A series of unfortunate evets 3 – The Wide Window
Habt ihr gesehen, dass Netflix aus den „Unfortunate Events“ eine Mini-Serie machen will? Jawohl! Jetzt aber hier, das 3. Buch, weiter geht’s. Die Baudelaire-Waisen kommen zu Tante Josephine an den See. Die Dame hat Angst vor ALLEM: dem Telefon, dem Ofen, dem See und ganz besonders Maklern. Dazu ist Grammatik ihr größtes Hobby, und das macht sie ja gleich wieder sympathisch. Violet, Klaus und Sunny leben sich hier etwas schlechter ein, und das Zusammentreffen mit Count Olaf ist noch mal dramatischer. Und! es! wird! immer! frustrierender!
Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Feuerkelch
Das ist jetzt nicht so überraschend: Ich habe „Harry Potter“ weitergelesen. Beim vierten Teil kommt jetzt mehr Abwechslung in den Schulalltag. Wettbewerbe – bei der Quiddich-Weltmeisterschaft, beim Trimagischen Turnier und untereinander – prägen die Stimmung des Buches. Und: wir treffen hier das erste Mal auf die Idee des Auserwählt-Seins. Neben den Gefahren, die im Turnier auf ihn warten, muss er sich hier auch der Ablehnung von seinen Mitschülern stellen. Das Buch handelt von Zurückweisung und dem Wille weiter zu kämpfen, von dem Wunsch nach Liebe und Anerkennung. Denn neben der ganzen Aktion geht es am Ende dann doch immer ums Erwachsenwerden. Das Ende ist ein Wendepunkt in der gesamten Geschichte: Da steht Harry am Scheideweg zwischen Kindheit und Zukunft. Er begegnet seinen Eltern und lässt sie ziehen, sieht seiner Zukunft ins Auge und kann es doch noch nicht mit ihr aufnehmen.
Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Orden des Phoenix
Harry macht mich wahnsinnig in diesem Teil! Wie kann man sich nur permanent so unverstanden fühlen? Und so cholerische Teenager kann ich ja eh nicht leiden. Aber hier haben wir es ja: Harry kann sich im Buch selbst nicht leiden. Weil er nichts mit sich anzufangen weiß und sich alles ganz anders vorgestellt hat. Und mit einem unsicher flatternden Herzen können wir in Band 5 selbst zurückblicken auf eine Zeit, in der auch wir mal 15 und scheiße waren. Die Unsicherheit spiegelt sich natürlich auch in der magischen Handlung wider. Und weil mit dem Alter immer mehr Baustellen und Konflikte dazu kommen, muss Harry sich auch noch mit der ersten Liebe und Politik auseinandersetzen. Mit Dolores Umbridge bekommt er gleich noch eine neue Feindin hinzu, die so viel 20.-Jahrhundert-Bösartigkeit verkörpert, dass es kaum auszuhalten ist. Und zu den Fragen nach allem und der Welt kommen jetzt auch noch: Ist Voldemort jetzt zurück oder nicht? Wer ist eigentlich gut und wer ist böse? Warum ist der sichere Zufluchtsort plötzlich so unsicher?

(Anzeige)


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.