#München und Angst

Das war es also? Den ganzen Abend zittert das ganze Land, eine Stadt steht still, niemand kommt rein oder raus. Auf Facebook fragt man sich gegenseiteig, ob alles in Ordnung ist, in den Kommentarspalten schreit man nach dem Militär oder schlimmerem. Und das alles, weil ein labiler Teenager in einem Kaufhaus in München um sich geschossen hat.

Die Angst im Land wurde an diesem Abend sichtbar – wir wurden nicht mit einer Tatsache konfrontiert und konnten danach analysieren, sondern wir haben live zugeguckt, wie die Vermutungen sich zusammenbrauten und die Zeugen berichteten. Und was haben sie berichtet! Von makaber lächelnden Weihnachtsmännern und mehreren Tätern mit Gewehren. Ich will das gar nicht lächerlich machen: Menschen im Schock sehen vieles, oder nichts. Das Schlimme an diesem Abend, abgesehen von der Tat selbst natürlich, waren die Geier. Die kreisten schon.

Das waren zum einen die Journalisten. Das wurde im Laufe des Abends fast unerträglich. Da wurde wild spekuliert – die Islamisten schon wieder, natürlich, was geht in solchen Menschen vor? Die Grenzen zu! Hier gab es Schüsse, und hier, und auch andere Städte sollten sofort in Alarmbereitschaft gehen. Schlimmer aber als Nachrichten, die keine waren, war die kaum versteckte Begeisterung. Was das für Einschaltquoten bringt! Toll! Da flitzten junge Reporter durch die menschenleere Stadt und reden sich selbst ein, ganz spannende Sachen zu sehen. Und Amokexperten scharrten mit den Hufen, endlich ist es so weit, endlich durften sie wieder raus ins Fernsehen.

In der Bevölkerung dasselbe. Nach dem ersten Schock schnell das Handy an und alles live auf Periscope streamen, egal, ob man da nur dumm erzählt, das man nichts gesehen hat, oder vielleicht sogar den strategischen Polizeieinsatz filmt – hauptsache dabei springen ein paar Follower raus. Ich habe mich an diesem Abend so sehr fremdgeschämt.

Und Angst hatte ich auch. Nicht nur kurz um ein paar liebe Menschen, die ich in München kenne und von denen ich schnell gehört habe, das alles ok ist, sondern auch vor der Aggressivität, die im Land herrscht, und die offensichtlich dringend raus will. Empfindet ihr das auch so? Die Leute warten auf irgendwas. Das ist nicht nur Anspannung und Angst, das ist etwas viel Tieferes. Seit ein, zwei Jahen fällt mir das immer wieder auf: Leute schlagen zu wegen nichts, brüllen offen rassistische oder sonstwelche Scheiße herum, provozieren sich gegenseitig und verweigern Argumente. Das habe ich in so vielen Situationen bemerkt. Es ist, als warten sie auf etwas, als fehlt ihnen etwas, das mit viel Gebrüll und Gewalt bald herausbrechen wird. Das macht mir Angst.

Und was ist die Konsequenz aus dem Münchener Amoklauf? Da ist ein 18jähriger Junge, der auf einem Augenzeugenvideo schreit und versucht, sich wirr zu rechtfertigen. In Behandlung sei er gewesen und irgendwas mit Mobbing. Und währenddessen beschimpft ihn jemand mit rassistischer Scheiße.
Die Konsequenz in der Politik? War doch kein Flüchtling, man redet also wieder über Killerspiele… Mir würden jetzt spontan einfallen: Woher hat er die Waffe her? Woher hat man mit 18 Jahren die Motivation, acht Menschen zu erschießen? Was macht der neue Rassismus mit der jungen Generation mit Migrationshintergrund? Aber klar, Killerspiele sind auch sehr gefährlich.

Ich habe an diesem Abend irgendwann extra nicht mehr in die sozialen Netze geguckt. Das ist schlecht für die Nerven und die Seele. Ich sollte beim nächsten Mal auch den Fernseher auslassen. Als ich ins Bett gegangen bin, waren es noch Terroristen auf der Flucht, und morgens ein einzelner Täter. Wie ich diesen Blogpost beenden soll, weiß ich nicht. Ich bin auch nur eine Bloggerin, die wirklich NICHTS dazu sagen kann und sich hier nur ein paar Sachen aus dem Kopf schreiben muss. Hoffentlich ist jetzt lange Ruhe bis die Geier wieder kreisen.


Update: Etwas schöner und klarer hier bei Sixtus.


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