Gelesen im Mai

Der Mai war zu voll. Kaum Konzerte habe ich besucht und nur drei Bücher gelesen. Aber gute, daher kann ich noch mal ein Auge zudrücken.


Heinz Strunk: Der goldene Handschuh
Von dem Buch war ich sehr begeistert, deswegen habe ich gleich einen längeren Buchtipp geschrieben. In kurz: Das neue Buch von Heinz Strunk widmet sich dem Leben Fritz Honkas. Strunk erzählt die Geschichte des Mehrfachmörders aber nicht nach, sondern verdichtet im Buch die Informationen, um einen Hintergrund zu entwerfen. Das macht das Buch weniger spektakulär, denn die Morde werden distanziert und fast nebensächlich beschrieben, dafür aber zu einer richtig guten Milieustudie. Statt der Anatomie des Mordes beschreibt Strunk die Anatomie einer Kneipe. Das ist Spelunkenpoesie und oft ordinär bis eklig. Es nimmt dich beim Lesen aber mit und verschluckt dich, wenn du nicht aufpasst.

David Benioff: Stadt der Diebe
Endlich mal wieder eine richtige Geschichte. „Stadt der Diebe“ ist ein Buch, das erzählt. Im Leningrader Winter mitten im zweiten Weltkrieg sollen zwei junge Russen ein Dutzend Eier für den General besorgen. Ihr Leben hängt davon ab. Und das, während die Menschen in der besetzten Stadt hungern. Die zwei unterschiedlichen Jungen brechen also auf eine Reise auf, die man heute vielleicht als Roadtrip bezeichnen würde. Sie treffen eine Menge gute und schlechte Menschen, erleben Abenteuer und denken über den Krieg und die Liebe nach. Ich mochte das Buch sehr, auch wenn es eher ein Buch für die kalten Tage ist. Die Beschreibung des bitterkalten russischen Winters sind nicht ganz so dramatisch, wenn man sie bei herrlichem Wetter im Park liest.

Kazuo Ishiguru: Der begrabene Riese
Offenbar muss ich hier länger ausholen, denn ich denke noch immer über das Buch nach. „Der begrabene Riese“ – ein Buch, auf das die Literaturwelt 10 Jahre gewartet hat. 1989 hat Ishiguro „Was vom Tage übrig blieb“ geschrieben, für das er den Booker Prize bekommen hat. 2005 kam sein letzten Buch „Alles, was wir geben mussten“ heraus, das bei ein paar Freunden von mir noch immer zu ihren Lieblingsbüchern gehört. Jetzt also endlich „Der begrabene Riese“ – das Motiv bleibt gleich, das Genre ändert sich.
Ich bin so hin und her gerissen, komischerweise nicht aus den Gründen, die ich vorher angenommen hatte. Die Welt im Buch ist eine mittelalterliche Fantasywelt, mit der ich normalerweise gar nichts anfangen kann. Aber mit Landschaften hat es Ishiguro ja. Alles ist wunderbar auserzählt, so dass es das Lesen wahrscheinlich schöner macht als es dort in Wirklichkeit aussieht. Und natürlich ist das Genre (angelehnt an) Fantasy. Es spielt in einer Zeit, über die heute fast nichts bekannt ist. Als im 6. Jahrhundert die Römer sich aus England zurückziehen, verfällt das Land in tiefstes Mittelalter. Die Menschen glaubten nun mal an Drachen und Zauberwesen, die tief in den Wäldern hausten. Also laufen den Figuren auch hier und da welche über den Weg. Das hat mich überraschenderweise nicht gestört.
Auch die Motiv der Geschichte, die sich ja grob in allen Romanen von Ishiguro wiederfinden, also Vergessen und Identität, haben mir gefallen. Da legt sich ein Nebel über das Land und niemand kann sich mehr an die Vergangenheit erinnern, oft nicht mal an etwas, das vor ein paar Minuten passiert ist. Wie soll da der Mensch (oder das Land) eine eigene Identität haben? Und als Gegenfrage: aber was ist, wenn dieses Vergessen nur dazu da ist, um dich selbst zu schützen? Diese Fragen muss man sich im Laufe des Buches selbst beantworten und auch ruhig auf unsere Gegenwart anwenden. In welchen Situationen wollen wir die Vergangenheit vergessen und neu anfangen? Wo ist es besser, sich Dingen zu stellen und daraus zu lernen?
Trotzdem hat sich das Buch für mich hingezogen! Denn gerade das Problem mit dem Vergessen lässt die Figuren ohne Hintergundgeschichte dastehen. Sie sind flach und existieren nur für den Moment – und sind mir im großen und ganzen egal. Das ist schade, denn normalerweise bleiben Ishiguros Figuren lange bei mir. Und dann die Sprache! Die ist wie immer wunderbar klar und leise. Allerdings ist die Förmlichkeit, mit der die Figuren sprechen, für das Lesen anstrengend und kräftezehrend. Jemand auf Goodreads schreibt sehr passend, dass das Buch wahrscheinlich 50 Seiten kürzer wäre, wenn man jedes „Prinzessin“ herausstreichen würde.
Da müsst ihr euch wahrscheinlich selbst ein Bild machen.


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