Gelesen im April

Kazuo Ishiguro: Alles, was wir geben mussten
Zum 2. Mal lese ich das Buch – quasi als Vorbereitung auf Ishiguros neues Buch „Der begrabene Riese“, das schon bei mir im Regal liegt. Im Original heißt das Buch „Never let me go“, was für mich tatsächlich viel besser das Gefühl des Buches transportiert. Ishiguro schreibt wunderbar klar und nüchtern, und trotzdem bringt er es mit wenigen Sätzen fertig, Bilderwelten zu wecken, Gefühle ausbrechen zu lassen und an Wänden im Kopf zu kratzen, von denen man vorher gar nicht wusste, dass sie da sind. „Alles, was wir geben mussten“ kreist um eine Situation, die man sich kaum vorstellen kann, und trotzdem ist fast jedem Leser schon nach den ersten Erwähnungen klar, was da im Schatten lauert. Dieses Spiel mit den Erwartungen, wie man gemeinsam mit den Figuren versucht, dem Unvermeitlichen zu entgehen, ist bewegend.


Buch April1

Neil Gaiman: The Ocean at the End of the Lane
Ich bin kein Neil-Gaiman-Fangirl, trotzdem kann ich recht unkritisch behaupten, dass ich viele seiner Bücher mag und sie mich immer gut unterhalten haben: Coraline, Das Graveyard-Book (link), American Gods, und jetzt auch The Ocean at The End of The Lane.
In Neil Gaimans Welten existieren Geister, Monster und in diesem Buch habe ich mich stellenweise auch wirklich gefürchtet. Was das Buch genau auf den Punkt bringt, ist das Gefühl der Ausweglosigkeit und vollkommenen Abhängigkeit, wie nur Kinder sie empfinden. Um dies darzustellen, entwirft Gaiman ein sehr passendes Bild: Der Ich-Erzähler kehrt zum Ort seiner Kindheit zurück und erinnert sich dort, wie er von einem Monster in Gestalt des neuen Kindermädchens heimgesucht wurde und niemand ihm glaubte. Schlimmer noch, auch sein Vater wandelt sich in ihrer Gegenwart. Das ist nur ein Teil des ganzen Buches, aber es ist der eindrucksvollste. Die Auflösung ist mir dann (wie bei vielen Fantasy-Büchern) ein bisschen zu einfach. In allem aber ein gutes Buch.

Lena Dunham: Not that Kind of Girl
Die Aufregung, die noch vor einem Jahr um das Buch herrschte, ist verklungen. Mich interessierte es, weil ich a) die Fernsehserie GIRLS sehr mag und b) Lena Dunham für eine interessante Stimme des neuen Feminismus halte. Problematisch wird es immer, wenn so viele Erwartungen auf eine einzelne Person gelegt werden. Das Buch ist ok, es hat seine Höhen und Tiefen. Die ersten Kapitel über Sexualität und Körperbewusstsein haben mir gefallen. Die späteren Kapitel habe ich viel als privilegiertes Genöhle empfunden. Mir fehlt der intelligente Humor der Serie. Trotzdem: Das Buch malt ein interessantes Bild der Ansichten, Gefühle und Wünsche einer jungen Frau. Davon können wir mehr gebrauchen.

Buch April2

Carol Birch: Der Atem der Welt
Ich mochte das Buch, trotzdem hat es mich am Ende genervt. Die Welt, die Birch zu Beginn entwirft, ist wunderbar auserzählt und spannend. London im späten 18. Jahrhundert, und man ist beim Lesen gleich dabei, wie der Tierhändler Jamrach den kleinen Jaffi kennenlernt und ihn als Pfleger einstellt. Alles riecht nach neuen Eindrücken und Abenteuer, doch als dieses Abenteuer dann kommt und Jaffi zur See fährt, um ein Tier zu fangen, das noch nie jemand gesehen hat, wird plötzlich alles verwirrend. Ab da gibt es zu viele Charaktere, von denen keiner richtig auserzählt ist und die ineinander übergehen. Innerhalb des Buches macht das Sinn, denn Jaffi selbst wird in eine neue Welt gestoßen und muss sich erst zurecht finden. Im Laufe der Geschichte kommen mir die Figuren als Leserin aber auch nicht näher, und irgendwann habe ich auch das Interesse an Jaffi selbst verloren. Was für ein emotionales Buch das hätte sein können. Für mich zog es sich nur in die Länge. Und wenn dir alle Figuren egal sind, ist dir auch egal, was mit ihnen geschieht, wo sie landen oder welche Entscheidungen sie treffen. Das Buch beschäftigt mich trotzdem noch (wie man an der Länge dieses Textes sehen kann).

Paul Auster und Paul Karasik und David Mazzucchelli: Stadt aus Glas
Das Buch „Stadt aus Glas“ von Paul Auster habe ich vor Jahren schon gelesen, und auch wenn es mir sehr gut gefallen hat, so ganz frisch war es nicht mehr in meinem Kopf. Eine schöne Form, um das zu ändern: Graphic Novels. Die Zeichner haben Austers düstere, verwirrende Geschichte wunderbar reduziert und bebildert. Das liest man schnell weg und das eigentliche Buch kommt wieder ganz nah ran.

Wolfgang Herrendorf: Arbeit und Struktur
Hier habe ich das Buch und das Hörbuch parallel gehört, wobei mich das Hörbuch durch die großartige Lesestimme von August Diehl noch tiefer in dieses Tagebuch hineingezogen hat. Herrendorf hat Hirnkrebs und versucht herauszufinden, ob Heilung möglich ist bzw. wie viel Zeit ihm noch bleibt. Am Anfang ist er mir noch nicht sonderlich sympathisch, zu verkrampft, theoretisch und abwertend. Je länger man aber dran bleibt, desto näher ist man ihm, seiner Arbeit, seinen Stimmen im Kopf und seinem Schicksal. Arbeit und Struktur ist nichts für zarte Gemüter. Es ist kein Geheimnis, dass man hier einem Mann beim Sterben zuhört. Beim Kampf gegen den Krebs, beim Versuch, seinen Verstand zu behalten, und beim Prozess, Herr über seinen Körper zu bleiben. Ich musste immer mal wieder Pausen einlegen. Aber es hat sich gelohnt.


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