Buchtipp: Der goldene Handschuh

Fritz Honka war ein deutscher Serienmörder. Seine Festnahme im Jahr 1975 war besonders spektakulär, weil er die Leichen seiner Opfer in den Wänden seiner Wohnung aufbewahrte und sie nur zufällig durch einen Brand in der Nachbarwohnung entdeckt wurden.

Das neue Buch von Heinz Strunk, von dem die meisten regelmäßigen Leser schon gehört haben, schließlich führt es seit Wochen die Bestsellerlisten an, widmet sich dem Leben Honkas. Strunk hat recherchiert, Zugang zu den Gerichtsakten in Hamburg bekommen, er erzählt die Geschichte aber nicht nach, sondern verdichtet im Buch die Informationen über Honka, um einen Hintergrund zu formen. Das macht das Buch weniger spektakulär, denn die Morde werden distanziert und fast nebensächlich beschrieben, dafür aber zu richtig guter Literatur.

Das Buch blüht auf im Alltag der Hamburger Kneipen, bei den Säufern und traurigen Seelen. Sie sind einsam und wissen oft nicht weiter, aber in der Kneipe gibt es jemand, der ihren Geschichten zuhört. Dort kennt man sich. Es ist eine Millieustudie wie solche, bei denen man vollständig in eine fremde Welt eintaucht. Ob man diese Welt nun mag oder nicht. Aber gerade die Welten, die man nicht kennt, sind doch die interessanten.

Statt der Anatomie des Mordes beschreibt Strunk die Anatomie einer Kneipe. Der Goldene Handschuh hat zwei Räume, vorne mit einer L-förmigen Theke, die Toiletten sind unten. Er zeigt uns, wie diese Welt aussieht und wie sie sich anfühlt, indem er die Protagonisten selbst erzählen lässt, neben Fiete Honka auch die Schimmeligen, Soldaten-Norbert, Fanta-Rolf oder Ritzen-Schorsch. Vom Krieg, vom Suff, von den Frauen. Von der Trostlosigkeit.
Das ist Spelunkenpoesie. Das ist oft ordinär bis eklig. Wer ein Problem damit hat, von Gewalt, Ekel und Vergewaltigung zu lesen, sollte das Buch nicht zur Hand nehmen.

Alkoholismus ist der Grundpfeiler dieser Welt, die die wenigsten von uns kennen. An der wir kurz kratzen können, wenn es am Wochenende doch ein bisschen zu lang war und der Kater uns quält. Hier gibt es Schmiersuff, Vernichtungstrinken und Druckbetankung. Die meisten von uns können sich kaum vorstellen, wie es ist, in so einer Welt zu leben, in der man eine Flasche Korn braucht, um den Tag zu überstehen.

Strunk entwirft das Bild eines Serienmörders, erklärt damit aber nicht die Tat. Um da ganz sicher zu gehen, blicken wir im Buch auch auf andere Gesellschaftsschichten mit Alkoholproblemen, sehen auch andere Menschen mit soziopathischen Zügen. Honka treibt im Laufe des Buches mehr und mehr auf den Abgrund zu und es ist nicht einfach, ihm dabei zuzusehen. Es nimmt dich beim Lesen mit und verschluckt dich, wenn du nicht aufpasst. Und das ist, was gute Bücher mit dir machen.

Der goldene Handschuh


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