Eddie Argos und die Origin Story

Seit letzter Woche gehöre ich zu einer Elitegruppe. Einer Elite aus 12 Personen, die in die Wohngemeinschaft gekommen sind, um Eddie Argos lesen zu hören.

Während die letzten Art-Brut-Shows im Luxor gleich ausverkauft waren und das Publikum schwitzend und tanzend den Worten des unmusikalischen Sängers lauschte, saßen wir nun hier, ein bisschen unangenehm umherschauend und redlich bemüht, die Plätze so zu befüllen, damit es nicht ganz so leer aussieht. Wo wart ihr denn, Art-Brut-Fans? Hat die Grippewelle euch alle zusammen ans Bett gefesselt? Armer Eddie, auch ihm war es ein bisschen unangenehm, obwohl er gleich erzählte, dass er in den USA schon mal eine Show vor genau 1 Person gespielt hat. Naja, im Gegensatz dazu haben wir den Laden hier vollgemacht.

Ich will aber gar nicht so viel zu dieser Lesung schreiben. Die war interessant und lustig und wenn der Herr noch in eure Stadt kommt, solltet ihr bitte da hingehen. Ich möchte vielmehr erzählen, warum mir Art Brut so wichtig ist und der verehrte Herr Argos bitte nie wieder als Politesse durch London ziehen soll. Denn all das hier, mein ganzes Schaffen und Sein der letzten Jahre, verdanke ich ein paar Zufällen. Eddie Argos ist Teil meiner Origin-Story. *Nachdenklicher Blick in die Ferne, fade to black*

Die Entstehungsgeschichte
Vor ein paar Jahren steckte ich fest. So richtig. Nach dem Studium zog ich für einen vermeintlich tollen Job zurück nach Köln und als daraus nichts wurde, verlor ich mich im Praktikum-Sumpf. Irgendeine Männergeschichte funktionierte gerade wieder nicht. Die alten Freunde, die ich von vor dem Studium kannte, hatten sich weiterentwickelt, die meisten in eine andere Richtung als ich. Meine neuen Freunde aus dem Studium richteten sich in anderen Städten ein und waren einfach nicht mehr da. In dieser Zeit saß ich also viel irgendwo herum und zweifelte an meinen Entscheidungen und an mir selbst, wie das eben so ist.
Als ich dann ein Volontariat bei einem kleinen Verlag begann, hatte ich zwar noch immer kein Geld, aber ich machte endlich eine Sache, die ich mochte. In mir regte sich die vage Hoffnung, dass das alles doch noch etwas werden könnte.
„Du musst wieder Sachen machen, die du magst“, sagte ich mir, und für mich war das in diesem Moment – raus gehen, Musik, Menschen. Ich hatte kein Geld für die großen Konzerte und auch kaum jemanden, der die gleiche Musik hörte wie ich. Also habe ich mir klitzekleine Konzerte rausgesucht und mich über Bands informiert. Daraus entstand eine Liste, die ich an Freunde schickte. „Hey, das könnte dir gefallen, 8€ im Gebäude 9.“ oder „Guck mal da, die hören sich an wie Soundso, 11€ im Blue Shell.“ Meine Vorschläge kamen meist gut an: endlich passte wieder etwas bei mir, endlich hatte ich Gespräche mit Freunden und Bekannten, die sich nicht nur darum drehten, wer welchen Job hat und wen heiratet und wann ein Kind bekommt.

Auftritt Eddie Argos
Natürlich hatte ich ganz früh mitbekommen, dass Art Brut auf Tour sind, aber ich hatte zu lange gezögert. Niemand wollte mit mir da hin, und mich überwinden, irgendwo alleine hin zu gehen, konnte ich noch nicht. Dann war es zu spät. Das Konzert war ausverkauft und ich ärgerte mich.
Und jetzt starten die glücklichen Zufälle: Ein paar Tage vor dem Konzert entdeckte ich auf Facebook bei einer Büronachbarin diese Frage: „Hat jemand eine gute Kamera und Lust, mich als Fotograf/in zum Art-Brut-Konzert zu begleiten?“ Die Gute testete sich gerade als freie Redakteurin aus. Obwohl ich weder eine Kamera noch sowas jemals gemacht hatte, WOLLTE ICH DA HIN. Ich bettelte also ein bisschen bei Daddy, damit er mir seine Nikon leiht (und sagte ihm natürlich nicht wofür) und las ein bisschen im Internet, was man als Konzertfotografin eigentlich so macht und darf und wie zum Teufel ich ein Bild hinkriegen soll ohne Blitz (haha).
Am Konzertabend war ich so nervös wie selten. Wir waren viel zu früh da und betäubten die Aufregung mit Bier (eigentlich keine gute Idee). Da ich eh hauptsächlich für Art Brut da war, sprang ich in die Menge, tanzte und hielt dabei so gut ich konnte die Kamera gerade in Richtung Bühne. Es war ein wunderbarer Abend, mit neuen Menschen und neuen Eindrücken. Im Luxor fotografieren ist schon eine Glückssache, wenn man es kann. Das weiß ich heute. Nach dem Konzert standen wir draußen und ich war entsetzt, dass ich fast nichts Brauchbares auf der Speicherkarte hatte. Verschwommen, unterbelichtet und langweilig. Bis auf dieses eine Foto:

Art Brut Köln

Auch das ist bei Weitem nicht gut. Und ich habe das gerade mal als kleines jpg fotografiert, weil ich es einfach nicht besser wusste. Aber es war das Foto, das die Redaktion mochte. Ein Foto, wieder ein Zufall, und sie sagten mir: wenn du das wieder mal machen willst, sag Bescheid – gibt kein Geld, aber du kommst umsonst rein. Zufällig hatte ich auch noch bei meiner Konzertauswahl Glück: Die Metalheads aus der Redaktion konnten mit meiner Musikauswahl nicht viel anfangen, also ließen sie mich machen.

Seitdem…
Natürlich romantisiere ich da etwas, wenn ich den Weg, den ich danach gegangen bin, auf dieses Konzert und dieses Foto zurückführe. Wer weiß, wann ich eine andere Gelegenheit dazu bekommen hätte vielleicht über Konzerte zu schreiben oder was weiß ich. Aber es ist eine schöne Geschichte, die ich mir gerne selbst erzähle, wenn ich das Foto betrachte.
Seitdem habe ich viel gelernt über Fotografie und mich selbst. Ich konnte plötzlich alleine auf Konzerte gehen, ich war ja mit meiner Kamera da. Ich habe viele neue Leute kennengelernt, weil ich auch endlich etwas zu erzählen hatte.
Seitdem übernehme ich hin und wieder kleine Aufträge: Porträts, Hochzeiten und Unternehmensfotos. Hauptberuflich will ich das aber nicht machen, dafür mag ich meinen eigentlichen Job viel zu sehr.
Seitdem habe ich meinen Blog aus dem Internet gestampft und probiere alles aus, was mich interessiert.

Die kleine Höhle, in die ich mich zurückgezogen hatte, habe ich heute zu einem netten Haus ausgebaut. Ab und zu baue ich Räumchen an, ab und zu reiße ich wieder welche ab und dekoriere alles neu. Das Fundament steht aber fest.
Das Art-Brut-Konzert war ein Zufall und gleichzeitig eine wichtige Station für mich. Und deswegen werde ich immer versuchen da zu sein, wenn Eddie Argos in meiner Nähe etwas erzählen will.

„I’m gonna write a song as universal as Happy Birthday that’s gonna make sure that everybody knows that everything’s gonne be ok.“


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