Henry Rollins in der Kulturkirche

Über eine Woche ist mein Abend mit Henry Rollins jetzt schon her, aber sowas muss man ja auch erst mal auf sich wirken lassen. Nicht wegen Punkrock und körperlichen Schäden, sondern diesmal wegen so viel Input und Liebenswürdigkeit.

Henry Rollins ist auf Spoken-Word-Tour. Das macht er jetzt schon seit mehreren Jahren, ich weiß aber gar nicht, ob er damit schon mal in Deutschland unterwegs war. Eigentlich kommt der Mann aus dem Punkrock (so als Info an all die jungen Menschen, die immer Fotos mit ihm für ihre Eltern machen wollen, wie er sagt). Drei Stunden lang lauschen wir in der Kulturkirche den wunderbaren Anekdoten diese Rocklegende, es ist lustig und traurig und erstaunlich und informativ, aber vor allem macht es dieses wohlige Gefühl im Bauch (und im Kopf!), das sagt: es sind noch gute Menschen unterwegs.

Er erzählt uns vom schrecklich lächerlichen Wahlkampf in den USA, über den wir den Kopf schütteln und dessen Argumente in Deutschland seit einigen Monaten doch so seltsam vertraut klingen. Mit einem weichen Herzen huldigt er David Bowie, The Bo!, berichtet von seinem musikalisches Schaffen und seiner Aura, die ihn umgab. Um gleich danach zu Lenny zu schwenken, den er über viele Jahre auf Tour immer wieder traf und mit dem ihn eine eigenartige Freundschaft verbindet. Wir hören von Henrys Kindheit in Washingtons und den Anfängen des Punkrock, wie er nach und nach die Stiff Little Fingers, Ramones und Sex Pistols kennenlernt, und dass wütend sein nichts Schlimmes ist. Just don’t be an
asshole. Henry Rollins ist herumgekommen. Er plaudert von Legenden, die er kennt und getroffen hat, Iggy, Lou Reed, Leonard Cohen, mit so viel Demut, dass man ihn ab und an mal kurz schütteln möchte. Ich sitze hier keine 2m von Henry Rollins entfernt!

Köln Kulturkirche Henry Rollins

Das ist alles ab und an ein bisschen preachy, aber leicht auszublenden, wenn man da auf Kirchenbänken sitzt und Bier trinkt. Reist viel!, sagt Henry, Lernt neue Menschen kennen! Allein sein ist o.k., alles wird gut! Gegen zu viel Schwermütigkeit erzählt Henry uns von Urlaub mit Pinguinen oder seinen Schauspielambitionen: »Look, there is the Neonazi!« *Kreisch*. Der Abend war lang, aber wunderbar. Henry Rollins ist nicht mehr der wütende, aufgepumpte Sänger aus Black-Flag- und Rollins-Band-Zeiten, heute schreibt er Bücher, macht seine eigene Radioshow und gibt seine Erfahrungen weiter. Unterhalte dein Publikum mit Verstand und „Be Good To Each Other“.

PS: Für so einen Abend muss man schon gut Englisch können. Der Mann redet drei Stunden ohne Punkt und Komma und versucht nicht, irgendetwas einfach darzustellen. Das scheint aber in der Kulturkirche niemanden gestört zu haben. Vielleicht kommen langsam mehr englischsprachige Künstler auf die Idee, eine Tour durch Deutschland auszuprobieren!


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.