El Vy, 04.12.2015, Kantine

Endlich! Endlich! El Vy sind in Köln. Das derzeit meistgespielte Album in meiner Playlist sollte ich jetzt also endlich live hören können. Matt Berninger von The National, einer meiner Lieblingsbands, und Brent Knopf von Ramona Falls haben am Freitag in die Kantine im Kölner Norden geladen. Meine Erwartungen konnten gar nicht höher sein.

Die Kantine kennt man außerhalb der Kölner Innenstadt kaum als Ort für Konzerte. Für Leute im Norden ist sie eher als Veranstalter für Ü50-Partys und einen sehr schönen Biergarten bekannt. In letzter Zeit entwickelt sich der Saal. Und wer mit dem Auto anreist oder die Bahnfahrt ins Nirgendwo in Kauf nimmt, kann hier echt einen schönen Konzertsaal finden.

El Vy Kantine Köln

El Vy also. Als ich mich zur Vorband durch die Menge bewege, um mir einen guten Platz zum Fotografieren zu sichern, blicke ich schon in die glücklichsten und aufgeregtesten Gesichter – wie Kinder kurz vor der Bescherung warten hier Fans von überall. Neben mir wird italienisch gesprochen, französisch und englisch in den verrücktesten Akzenten. Als Matt Berninger auf die Bühne tritt, erkennt er gleich ein paar Fans in der ersten Reihe wieder und begrüßt sie nett. Sowas führt nach meiner Erfahrung immer zu einem sehr guten oder sehr seltsamen Abend. Wir werden sehen.

Mit „Careless“ starten sie die Show, und die Bühne bleibt währenddessen und den weiteren Abend über so dunkel, dass Fotos fast unmöglich sind. Die Lichtshow ist dafür wunderschön und setzt die düstere, melancholische Musik von El Vy genau richtig in Szene. Sie spielen das Album „Return to the moon“ in geänderter Reihenfolge einmal durch. Die Singles „Return to the Moon“ und „Paul is Alive“ gibt es ca. in der Mitte.

El Vy kantine köln

Während Matt in gewohnter Weise zu Beginn recht still steht und später, wenn der Alkohol wirkt, über die Bühne wirbelt, versteckt sich Brent die meiste Zeit hinter dem schön beklebten Keyboard und allen anderen Instrumenten, die er so spielen kann. Wir lernen ihn und seine zuckersüßen Deutschkenntnisse etwas besser kennen, als Matt in der Mitte des Sets in einem längeren, instrumentalen Abschnitt plötzlich die Bühne verlässt und verschwunden bleibt. Da steht die Band. Alle gucken sich verwirrt an und kichern. „Wo ist Matt denn hin?“ fragt Brent. „Kommt der auch wieder?“ Nachdem er ein bisschen verlegen geplaudert hat, kommt Matt dann doch zurück und entschuldigt sich. Er musste noch ein paar E-Mails schreiben, scherzt er. Nein, quatsch, eigentlich hat er vergessen, vor dem Konzert pinkeln zu gehen. Haha.

El Vy kantine köln

Sobald die niederen Bedürfnisse erledigt sind, bekommen wir das, was wir wollen: Mehr Musik, mehr Alkohol. Matt Berninger ist ja hinlänglich dafür bekannt, dass er auf der Bühne säuft wie kein Zweiter und mit jedem Schluck besser wird. Hey, Rockstar und so, ich bin dabei. Dieses Mal allerdings muss ich fast gestehen, dass ich mir Sorgen mache. Wo er sonst die kultivierte Flasche Weißwein hinter sich her zieht, ist er dieses Mal mit einem Tässchen mysteriöser Flüssigkeit bewaffnet und, meine Herren, ist der Mann schnell voll. Als er am Bühnenrand kauert und alle Fans umarmt, weht die Fahne einmal durch den Saal. Das ist Korn oder Grappa, irgendwas Klares jedenfalls, das ich nicht mag. Wow. Und als er dann gegen Ende noch seine kleine Wasserflasche mit dem Hinweis verschenkt – Vorsicht, ist kein Wasser – weiche ich lieber noch eine Reihe zurück, damit ich nicht mehr im Dunstkreis stehe.

Während all dem spielen El Vy sich die Seele aus dem Leib. Diese Texte muss man einfach lieben, und je betrunkener der Mann ist, desto mehr singt er sie aus tiefstem Herzen. Selbst als sie „She drives me crazy“ von den Fine Young Cannibals covern – jawohl, ihr habt richtig gelesen, das komische 80s-Stück – ist das perfekt.

When one of your favourite people covers weird 80s songs.. #elvy #elvytour #mattberninger #shedrivesmecrazy

Ein von Miriam (@c.c.cologne) gepostetes Video am

Am Ende gibt es keine Zugabe, die Band hat schließlich nur ein Album, geplante Zugaben sind an sich peinlich und der Mann kann auch gar nicht mehr gerade stehen. Wie erwartet war es ein ganz wunderbares Konzert, sehr gut und sehr seltsam gleichzeitig, stimmungsvoll und intensiv. Wenn man gleich vor der Bühne steht, ist Matt wie der alte Alki in der Bar, der ein bisschen zu stinkig ist und dir beim Reden immer zu nah kommt, aber verdammt noch mal die interessantesten Geschichten von allen erzählt. Man muss ihn lieb haben, Sorgen machen darf man sich trotzdem.

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