Cabaret (1972), Bob Fosse

Cabaret
Oh nein, ein Musical! Jajaja. Da singen tatsächlich Leute, schlimm. Und wie unrealistisch… (im Gegensatz zu allen Filmen, die gerade stattdessen so im Kino laufen). Aber verstehen kann ich es ja. Die meisten Musicals, besonders so ziemlich alles, was sich aktuell so bezeichnen darf, ist Grütze. Es gibt aber tatsächlich gute Filme, in denen getanzt und gesungen wird.

Cabaret ist von 1972 und keines dieser Musicals, vor denen man sich so sehr fürchtet. Niemand bricht hier plötzlich in Gesang aus, klärt uns detailliert über die Gefühlslage auf und holt uns aus der Realität des Films. Die Handlung wird durch Stücke aus der Cabaret-Show unterbrochen, die zur Handlung passen. Es sind also eher kleine Pausen.

Und noch was unterscheidet Cabaret von anderen Musicals. Hier geht es nicht um die Schönen und Reichen, weder die Kleider noch die Ausstattung glitzern und kein hünsches Revuegirl zeigt uns ihr einstudiertes Überlächeln. Stattdessen sehen wir fast grungige Charaktere, „normale“ Frauen und Männer in allen Größen und Formen. Im Cabaret der 30er Jahre in Berlin treffen sich die Gestalten, die sonst nirgends so richtig rein passen.

Sally, die Hauptfigur, ist so eine Gestalt. Nicht die Schönste nach heutigen und damaligen Standards, freundlich, naiv, nimmt sich und die Welt nicht ernst. Trotzdem ist sie ein düsterer Charakter, mit echten Problemen, die sie jedenfalls zu Beginn geschickt aus dem Weg feiert. Im finalen und bekanntesten Song „Life is a Cabaret“ zeigt sich die Dualität der Figur besonders: Den Text liest man eigentlich optimistisch, aber im Kontext der Handlung und besonders der Permormance sieht der Zuschauer wie pessimistisch die Situation ist, und dass es in dem Song weniger um Glück und Spaß geht, als um verzweifeltes Aufschieben und die Augen Verschließen.

CabaretApropos „die Augen verschließen“: Das machen sie im Cabaret (und nicht nur da) alle gern – und da kontrastiert sich die schöne, spaßige, verruchte und alkoholgeschwängerte Welt auch mit der Realität. Denn draußen vor der Tür und im Laufe des Films auch immer mehr im Publikum sitzen die Nazis. Werden die Herren in den komischen Klamotten am Anfang noch belächelt, aus dem Lokal geschmissen und nicht ernst genommen, entwickeln sie sich mehr und mehr zur echten Bedrohung. Und wie beindruckend so ein Musical sein kann, zeigt der Film besonders beim einem Stück, das nicht im Cabaret, sondern draußen, im schönen deutschen Biergarten gesungen wird. In entspannter Feierabendstimmung beginnt ein Junge ein motivierendes und optimistisches Lied. „Tomorrow belongs to me“ singt er und nach und nach stimmen alle mit ein. Erst als die Kamera zurückfährt und den kleinen in voller Hitlerjugend-Uniform zeigt, schlägt einem das Entsetzen ins Gesicht. (Seit dem Film ist das Lied übrigens immer wieder für ein „echtes Nazilied“ gehalten und von rechten Bands aufgeführt worden, tatsächlich wurde es aber extra für den Film geschrieben)

Den Film als fortschrittlich für seine Zeit zu beschreiben, ist etwas weit hergeholt. Themen wie freie Liebe, Homosexualität oder Abtreibung gab es auch schon in anderen Filmen. Cabaret basiert außerdem auf den Berlin Stories von Christopher Isherwood aus dem Jahr 1939. Aber: Cabaret ist ein Musical, das das Anderssein inhaltlich feiert und strukturell unterstreicht. Mögen wird es trotzdem nicht jeder. Am Ende gibt es halt Szenen, in denen getanzt und gesungen wird. Ein Musical eben.

*) Die Bilder in diesem Artikel sind Affiliate-Links von Allposter.com

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