#aufschrei

Ich melde mich hier in der Regel nicht bei aktuellen Online-Krawall-Themen zu Wort.
Da es mich aber wirklich erstaunt, oder eher erschreckt, dass auf ein Thema wie alltägliche, sexuelle Belästigung heute tatsächlich noch mit Kopfschütteln reagiert wird und man sich statt einer Diskussion Altherrenwitze von Herrn Jauch und Herrn Karassek anhört, muss ich nun doch mal etwas dazu schreiben.

Bei dem Twitterhashtag #aufschrei geht es doch nicht wirklich um Brüderle und das ganze Blah, und dass jetzt sofort alle möglichen Konsequenzen her müssen. Es geht vielmehr darum, dieses Verhalten generell in die Öffentlichkeit zu rücken, damit Mann und Frau mal darüber nachdenken und über sich selbst nachdenken.

Ganz ehrlich – auch ich kenne kleine und größere Belästigungen im Alltag. Und der Gedanke verwundert mich immer wieder, dass viele Männer sich das gar nicht vorstellen bzw. nicht nachvollziehen können. Das sind ja nicht nur die Spinner, die dich im Club mal anfassen, haha, lustig. Bei vielen Belästigungen geht es doch hauptsächlich um Machtstrukturen, die auf diese Weise noch mal ein bisschen überprüft und verfestigt werden.

Nichts davon heißt, dass kein Mann keine Frau mehr anfassen, mit keiner Frau mehr flirten darf. Das Argument „Woher soll man denn wissen, was man darf und was nicht?“ ist lächerlich.
Ich bin ein sehr sozialer und offener Mensch. Ich scherze und flirte, umarme und fasse an, und ich kann immer schnell einschätzen, ob eine Person, egal ob Mann oder Frau, das mag oder nicht. Wenn man will, spürt man, wo die Grenze ist. Das kann jeder. Und diese Grenze ist bei jedem Menschen unterschiedlich. Überschreite ich diese Grenze aus Versehen, entschuldige ich mich und tue es nicht wieder.
Und: Ich zeige meine Grenzen in den meisten Fällen auch deutlich. Auch das ist wichtig. Warum „in den meisten Fällen“? Genau hier liegt das gesellschaftliches Problem, über das gerade diskutiert wird. Nicht Fremde in der Bahn, die offensichtlich Grenzen überschreiten und einfach mal zugreifen, sind das Problem (natürlich sind sie ein großes Problem, aber das bestreitet ja hoffentlich niemand), sondern die kleinen, alltäglichen, unangenehmen Situationen. Der Lehrer, der dich komisch anfasst. Der Kollege, der dir viel zu lange in den Ausschnitt starrt. Der Mann der Freundin, der mit seinen Kommentaren einen Schritt zu weit geht. Der Verwandte, der erklärt, dass man sich ja auch nicht so aufreizend anziehen dürfe… In vielen Situationen ist ein zur Wehr setzen unpassender oder unangenehmer als die Situation selbst und kann sogar Konsequenzen nach sich ziehen. Und DAS ist das Problem. Da braucht es gar keine Beispiele, die kann sich jeder vernünftige Mensch denken.

Um das eine ganz klar zu stellen: „Männer“ sind eben nicht „so“. Keiner meiner Freunde oder Bekannten bringt mich je bewusst in eine solche Situation – und wenn unwissentlich vielleicht doch, dann hat er das sofort gemerkt und nicht mehr getan. DAS ist normal. Das beweisen zum Glück auch die vielen bloggenden Männer, die sich selbst zu Wort melden, siehe die prominentesten Vertreter Johnny , Herm oder Rene.

Ich bin meiner Mutter sehr dankbar, dass sie mich nicht zu Angst und Unsicherheit erzogen hat, und dass sich an meinem Selbstbewusstsein trotz Belästigungen, die ich wie so gut wie jede Frau erfahren habe, nichts geändert hat. Ich richte meinen Alltag nicht nach so etwas aus, was anscheinend Frauen machen, wie ich in den Hashtags lesen konnte. Ich gehe nachts alleine raus, spreche mit Fremden, zucke nicht zusammen, wenn sich jemand zu nah neben mich stellt. Ich bin nicht der Meinung, dass Männer nicht mit mir flirten dürfen, oder die Straßenseite wechseln oder nicht schneller gehen sollen, wenn ich im Dunkeln alleine nach Hause gehe. Ich möchte niemals schon deswegen Angst haben, weil jemand zufällig den selben Heimweg hat wie ich!

Für mich ist aber auch klar geworden, wie viele Situationen es doch gibt, die ich selbst als „Ja, ist halt so“ wegwische und nicht drüber nachdenke. Dieser Online-Krawall kann sicher nicht gleich die Welt verändern, aber wohl doch ein paar Menschen zum Nachdenken bringen. Und das hat sich schon für mich allein gelohnt.

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