Das Fenster zum Hof (1955) – Alfred Hitchcock

Eigentlich wollte ich lange überlegen, welchen Film ich hier als erstes vorstelle. Meine Lieblingsfilme wechseln ständig und etwas themenrelevantes ist mir zu langweilig. Mh. Spontan ist immer gut, daher habe ich jetzt Das Fenster zum Hof ausgesucht. Das ist mir gestern eingefallen, als mir mal wieder die Nachbarn von gegenüber ins Schlafzimmer starrten. Ich sollte wirklich langsam Vorhänge anbringen.  Außerdem stecke ich grade in meiner 40er/50er-Jahre Phase. Das reicht als Grund.

Rear Window, Alfred Hitchcock, James Stewart, Grace Kelly, 1954
Das Fenster zum Hof ist von 1955 und laut Wikipedia Hitchcocks vierzigster Film. Während manche ihn für einen seiner besten Filme halten, schreien die anderen, dass er viel zu einfach sei. Es stimmt, in dem Film passiert relativ wenig, er spielt nur in Jeffs Wohnung und die unterschiedlichen Figuren im Hof sind einfach und bei weitem nicht dreidimensional angelegt. Dies ist aber grade ein wesentlicher Faktor der Dramaturgie, denn wir, die Zuschauer, sehen alles aus dem Blickwinkel der Hauptfigur, und der reduziert die Nachbarn gerne auf Offensichtliches – nennt sie Miss Torso und Miss LonelyHearts.

Aber von Vorne:

Wir beginnen am Morgen mit einem Schwenk durch den Hinterhof. Es ist heiß, wir sehen die Nachbarn durch die Fenster oder im Garten sitzen. Dann schwenkt die Kamera zurück zu Jeff (James Stewart) und zeigt in wenigen Bildern die Ausgangssituation. Er sitzt schlafend in einem Rollstuhl, sein Bein bis zur Hüfte eingegipst. Neben ihm liegen die Einzelteile einer zerstörten Fotokamera und wir sehen Fotos von Explosionen und Aufständen. Jeff ist offensichtlich Fotojournalist und sitzt nach einem Unfall zu Hause.

Aus Langeweile beginnt er seine Nachbarn zu Beobachten, die wie ich alle nicht so viel von Vorhängen halten. Er beobachtet die leicht bekleidete Tänzerin, die durch ihre Wohnung turnt, den Pianist, der an seinem Klavier neue Stücke komponiert (und dabei die komplette Musikuntermalung des Filmes on screen einspielt!) und das alte Ehepaar mit Hund. Seine Freundin Lisa (Grace Kelly) und die Pflegekraft Stella (Thelma Ritter), die ihn beide täglich besuchen, halten nichts von seinem neuen Hobby.

Eines Nachts kann Jeff nicht schlafen und sieht seinen Nachbarn Mr. Thorwald drei Mal mit einer Tasche das Haus verlassen und wiederkommen. Am nächsten Tag ist Mrs. Thorwald verschwunden. Jeff kommt auf die zunächst weit hergeholte Idee, dass Mr. Thorwald seine Frau ermordet haben muss und beginnt, Beweise zu sammeln: er packt eine Säge weg, verschnürt einen großen Koffer mit einem Seil etc.

Jeffs Motivation ist verständlich. Er ist in seinem Job Aufregung gewöhnt und jetzt in seinem Zimmer gefangen. Langeweile und seine begrenzte Perspektive lassen ihn Schlussfolgerungen ziehen, die so abenteuerlich sind wie sein alltägliches Leben.

Mir seiner Hartnäckigkeit bringt Jeff auch bald Lisa und Stella dazu, ihm zu glauben, und die beiden beginnen, ihm bei seinen Ermittlungen zu helfen. Auch als der befreundete Kommissar den dreien Beweise bietet, die ihren Ergebnissen widersprechen, lassen sie sich nur schwer von ihren Ermittlungen abhalten.

+++SPOILER+++ Als dann der Hund des älteren Ehepaars tot aufgefunden wird, sind die drei sich sicher, der Wahrheit auf der Spur zu sein. Jeff vermutet, dass der Hund etwas im Blumenbeet entdeckt hat und lockt Mr. Thorwald fort, damit die Frauen nachsehen können. Als sie nichts finden, wird Lisa übermütig und steigt in die Wohnung des angeblichen Mörders ein, um einen endgültigen Beweis zu finden. Im Showdown wird sie nicht nur entdeckt, sondern verrät aus Versehen auch noch Jeff. Die Szene, in der Jeff klar wird, dass er in seiner Wohnung festsitzt und auf den Mörder wartet, ist Hitchcocks Suspense im Reinformat. +++SPOILER+++

 

Grace Kelly, 1954„Neighbors care if anybody lived or died”

Voyeurismus ist ganz offensichtlich eines der Hauptthemen von Das Fenster zum Hof. Jeder kann den großartigen Spaß, anderen Leuten in die Fenster zu schauen und sie bei ihrem alltäglichen Leben zu beobachten, nachvollziehen. Da die Kamera die Nachbarn nie aus einem anderen als Jeffs Blickwinkel zeigt, sehen wir durch ihn selbst als stiller Beobachter auf das Geschehen. Aber Jeff wird auch zum Symbol für den Zuschauer selbst – sieht er doch seine Nachbarn durch Fenster wie auf Bildschirmen. Und was machen wir im Kino nicht anderes als voyeuristisch die Handlung zu verfolgen.

Jeffs begrenzter Blickwinkel spiegelt sich auch in seinen beschränkten Ansichten. Die Ehe mit seiner Freundin kann er sich nicht vorstellen, weil sie seiner Ansicht nach nicht an seinem abenteuerreichen Leben teilhaben kann. Ihre Welt hingegen hält er für oberflächlich und „zu perfekt“. Seine Angst vor Bindung sieht er auch in den unterschiedlichen Stufen der Ehe, die durch die Nachbarn symbolisiert werden, bestätigt. Erst als Lisa für ihn Ermittlungen übernimmt und zu seiner Theorie beiträgt, somit zur Ausdehnung seines Blickwinkels wird, entdeckt Jeff auch andere Seiten an ihr und nimmt sie als vollwertige Person wahr. Die Entwicklung von Lisa, kann man z.B. auch deutlich an ihrer Kleidung nachverfolgen.

 

Das Fenster zum Hof ist ein dramaturgisch und stilistisch perfekter Film. Schon das detailverliebte Setting ist beeindruckend, und man kann bei jedem Gucken Neues entdecken. Die Spannung treibt Hitchcock grade zum Ende auf die Spitze.

Das mit den Vorhängen werde ich aber jetzt trotzdem bald mal in Angriff nehmen. Sicher ist sicher.

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